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Sunday, February 17, 2013

Kolumbien

Pasto
Im Süden des Landes findet alljährlich in der ersten Januarwoche eines der größten traditionellen Feste und Brauchtümer Kolumbiens statt. Der Carnaval de Negros y Blancos zieht tausende Menschen, Groß und Klein, in seinen Bann. Es zelebriert die Wurzeln der Kolumbianer und feiert die Herkunft der weißen und schwarzen Bevölkerung. Ich komme nach einer Nachtfahrt am frühen Morgen in Pasto an und bereits auf der Taxifahrt ins Hostel bekomme ich einen Vorgeschmack auf den heutigen Tag: durch den geöffneten Fensterschlitz  hält jemand eine Schaumpistole in das Auto (quasi ein Feuerlöscher in klein) und sifft mich nebst Fahrer während der wenigen Sekunden Wartezeit an der Ampel komplett zu. Den restlichen Weg bestehe ich dann weitestgehend unbeschadet – das große Übel sollte mir noch bevorstehen! :D
Carnaval parade
Im Hostel treffe ich Marie aus Dänemark; wir hatten bereits Silvester in Montañita zusammen gefeiert. Auf der Straße kaufe ich mir schnell noch einen stylischen Poncho (Aufschrift: 100% Colombiano), den hier jeder trägt und der als Spritzschutz dienen soll – weit gefehlt. Mit Schaumpistole bewaffnet dauert es keine zwei Minuten und ich werde von vorbeilaufenden Feiernden attackiert. Anfänglich wehre ich mich noch standhaft mit meiner Pistole, aber spätestens als neben mir ein Halbwüchsiger auf mich zeigt und aufgeregt herausschreit: „El Gringo, el Gringo!!!“ ist es vorbei. Ein dutzend Jugendlicher postiert sich und ich werde unter lautem Gelächter mit Mehl beworfen und eingeschäumt. Großartig! Danach bin ich eingeweiht, meine Klamotten komplett versifft und das gröbste ist überstanden. Wie konnte ich auch erwarten, dass ich hier jungfräulich und sauber durch die Straßen marschiere? Naiv!
Eat that!
Der Tag verläuft ein bisschen wie Karneval in Köln. Die Straßenhändler machen mit ihrem Bier- und Chorizoständen einen Reibach. Wir schauen uns die Parade an, die mit Tänzern, Jongleuren, Musikern und großen Figuren aus Pappmaché beeindruckt. Abends gibt es ein Konzert: kolumbianische Livemusik auf dem Hauptplatz und später ziehen die Feierwütigen weiter in die Clubs. Es gibt keinen Dresscode – jeder kommt total zugemüllt hierhin!
Trying make-up for the first time. Fail!
San Augustín
Nach kurzem Schlaf fahren Marie und ich schon am nächsten Morgen in das idyllische gelegene San Augustín. Die Fahrt durch die Täler ist spektakulär und die Aussicht erinnert an die Abfahrt über die Death Road in La Paz. Nach weiteren Transfers in Mocoa und Pitalitu kommen wir am Abend an und buchen im Hostel einen Ausritt am nächsten Tag.
Angry.... bird!
Am Morgen hiken wir aber erst einmal durch den Parque Arqueológico und bestaunen die teilweise bis ins Jahr 3.000 v.Chr. zurückdatierenden Grabstätten und Felsskulpturen die teilweise erstaunlich gut erhalten sind. Zu Mittag mache ich einen überraschenden Fund. Eine kleine deutsche Küche im Ort serviert vegetarische Gerichte und so gibt es heute Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Besitzer sowie Chefkoch Roland lässt mich auch sein selbstgemachtes Pesto und das frischgebackene Roggenbrot probieren. Nach dem ganzen Pappbrot in Südamerika feiert meine Gaumen gerade Geburtstag, Weihnachten und deutschen Fußball-WM-Erfolg zusammen!
Cowboy Mike
Am frühen Nachmittag dann ein besonderer Moment für mich. Das letzte Mal saß ich so etwa mit 8 oder 10 Jahren im Winterurlaub auf dem Rücken eines Pferdes. Jetzt also ein 5-stündiger Ausritt durch die Berge und Täler – eine schöne Art die Natur zu genießen und weitere archäologische Stätten zu besuchen. Der Gaul ist brav, hört meistens auf mich und auch ein spontaner Galopp bringt mich nicht aus der Fassung. Auf dem Weg treffen wir zwei kolumbianische Mädels und ihre Mutter, die sich unserer Zweiergruppe anschließen und scheinbar vorgesorgt haben. Bei jedem Stopp nötigt mich Mama von ihrem Aguadiente zu trinken – ein süßer kolumbianischer Likör, den man hier aus Tetrapacks trinkt und der so ziemlich nach Lakritz bzw. Anis schmeckt. Sorgt für eine Menge Heiterkeit!
???
Am Abend holen wir unsere Sachen im Hostel ab und entschließen uns direkt mit dem Nachtbus in die 10 Stunden entfernte Zona Cafetera, die Kaffeezone Kolumbiens, zu fahren.
Salento
In dieser beschaulichen Kleinststadt verbringen wir den Nachmittag nach Ankunft mit Herumschlendern durch die engen Gassen und ausgiebigem Faulenzen in der Hängematte. Tags darauf fahren wir 4x4 Jeeps (die Mutigen stehend auf einem Trittbrett hinter der mit Bänken ausgestatteten Ladefläche) ins nahe gelegene Cocora-Tal. Der ganztägige Hike bringt uns durch schöne Landschaften und ist teilweise gut anstrengend, wenn es auf ca. 3.000m hinauf geht. Die Gegend ist berühmt für die bis zu 60m hohen Quindio-Wachspalmen, die der Nationalbaum Kolumbiens sind.
Jurassic Park
Marie bridging the gap
Hummingbirds - Koolibris
Taken hostage by the FARC
Edward, der englische Besitzer unseres Hostels hat vor einigen Jahren eine komplette Kaffeeplantage gekauft und bietet 3-stündige Touren an. So besuchen wir am Morgen Don Eduardos (von Edward) Kaffeefarm und bekommen zunächst eine interessante einstündige Vorlesung. Jetzt bin ich Kaffeeexperte. Später sammeln wir gemeinsam mit den Arbeitern reifen Kaffee und gehen durch den kompletten Entstehungsprozess, von der Schälung, dem Wasserbad zur Entfernung der Zuckerschicht, dem Rösten in einer Pfanne und anschließendem Mahlen und Aufbrühen. Leckerste Tasse Kaffee ever? Ganz bestimmt! ;-)
Don Eduardo and servant
Coffee - from the seed to the roasted bean
Den krönenden Abschluss des Tages bildet das medium-rare 550g Steak (3€), das ich an diesem Abend zur Perfektion in heißem Öl zubereite.
Medellín
Die knappe Woche in Medellín war für mich ganz besonderes, da ich hier full-immersion kolumbianischen Lifestyle gelebt habe. Juan David hatte ich Anfang Dezember in Cuzco in einem der Loki Hostel getroffen. Herzlich wie die meisten Lateinamerikaner sind hat er mich auch direkt in seine Heimatstadt eingeladen, um dort bei ihm zu wohnen. Knapp 6 Wochen später holt mich sein Vater abends mit seinem Taxi am Busterminal ab und ich ziehe als „dritter Sohn“ in ihr kleines Apartment in Envigado ein. Die Eltern bestehen darauf, dass ich in einem Doppelbett nächtige, damit der nötige Komfort für den Gast gewährleistet ist, während sie bereits Matratzen an anderer Stelle bezogen haben. Ich lehne das Angebot höflich ab und biete meinerseits mit der Couch oder Matratze Vorlieb zu nehmen, merke aber nach einigem Hin und Her, dass es hier keinen Verhandlungsspielraum gibt. Die Familie lässt nicht mit sich diskutieren und diktiert mich bereits höflich zum Abendessen. Es gibt Frijoles (eigentlich Bohnen, aber hier mit Reis, gebackenen Bananen und saftiger Rinderhufe serviert – gewöhnungsbedürftig, aber es wird gegessen was auf den Tisch kommt). Das Essen bleibt auch die kommenden Tage interessant (Chicharrón, frittierte Schweinhaut samt Fett etc.) und jeden Tag gibt es frischen Saft aus verschiedensten tropischen Früchten (z.B. Guanabana, Lulo, Tomate de Árbol).
Pablo Escobar's grave
Young Pablo contemplating his realm
Tagsüber erkunde ich mit den Brüdern Juanda und Cristian (21 und 27 Jahre) die Gegend. Envigado ist das Viertel in dem der einflussreichste Drogenbaron der Welt aufgewachsen ist. Die Rede ist von Pablo Escobar, in den 80er Jahren der reichste Mann der Welt, 1993 auf der Flucht von kolumbianischen Elitekräften niedergestreckt. Die Menschen hier im Arbeiterviertel schauen teilweise noch immer zu ihm auf. Escobar war ein großer Wohlstifter und hat sich durch das Errichten von Spiel- und Sportplätzen, Schulen und Krankenhäusern (die heute noch existieren) sowie Suppenküchen in die Herzen der ärmeren Bevölkerung gekauft – man übersieht dabei leicht, dass er tausende Gegner (Polizei und Politik) hat aus dem Weg räumen lassen und mit seinem Medellín-Kartell zwischenzeitlich die gesamte Kokain-Produktion in die USA kontrolliert hat. Ein Menschenleben war zu dieser Zeit 30$ Wert; Halbwüchsige Auftragsnehmer haben vor gerade einmal 20 Jahren für diesen Betrag alten Zwist aus dem Weg geräumt… Medellín ist seitdem zu einer modernen, florierenden Stadt geworden. Gemeinsam mit Juan und seiner Mama schauen wir uns einen Nachmittag das unspektakuläre Grab Escobars und das Pueblito Paisa, einen Nachbau einer Siedlung aus dem 19. Jahrhundert, mit toller Sicht auf die Stadt an. Mama zwingt mich dann auch einmal alle kolumbianischen Süßigkeiten, die oben auf dem Hügel angeboten werden, zu probieren. Mein leiser Protest wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen und so stopfe ich mich voll, während Mama ununterbrochen in ihrem hammerharten Akzent auf mich einredet, mich abwechselnd als Amerikaner und Deutschen vorstellt und überhaupt alles im Griff hat. Klasse Frau!
Los Gordos ('The fat ones') from Medellín artist Botero
A modern wood building
Abends treffen wir im Pitstop-Hostel ein paar Kiwis (Neuseeländer), mit denen ich bereits in Máncora und Montañita Wege gekreuzt habe. Die restliche Nacht verblasst in einer Aguadiente-Wolke (fieser Anislikör aus dem Tetra-Pak) im Party-Epizentrum El Poblado. Ein bis zweimal nutze ich noch die Gelegenheit mit Juan David im Freien zu trainieren – er ist mittlerweile wieder in Buenos Aires und bereitet dort nach einer Verletzung gerade sein Comeback bei einem argentinischen Erstligaklub vor. Ansonsten vergeht diese Woche eben ganz normal mit dem was man so als Kolumbianer in seiner Heimatstadt macht. Ich bin wehmütig als ich nach einigen Tagen in den Bus steige und freue mich irgendwann einmal wiederzukommen oder Juanda in Deutschland zu empfangen.
My lovely host family. Que Dios les bendiga!
Taganga / Tayrona
Fünfzehn Stunden Nachtbus und anschließend meinen Homie Oliver in Taganga mit zwei frischen Águila-Bieren zum Frühstück überrascht. Oley-boy, der bereits seit zwei Wochen hier ist, hat sich um die Hostelbuchung für mich gekümmert und so chillen wir zur Mittagszeit in der Hängematte auf der Dachterrasse und genießen den Ausblick auf die Karibikküste in der Bucht Tagangas. Die 4-5 Tage hier vergehen extrem entspannt. Mehr als Aufstehen, Essen, Lesen, Essen, Trinken, Feiern bekomme ich hier kaum zustande. Da geht es allen anderen aber nicht besser. Karibischer Lifestyle!
Taganga bay
The Caribbean way of life
Einen Ausflug mache ich dann allerdings doch, in den Tayrona Nationalpark mit seinen schönen Stränden und der Möglichkeit in der Hängematte am Strand zu übernachten. Auch einen etwa 6-stündigen Hike legen Oliver und ich dort auf dem Rückweg nach Taganga hin und überlegen uns, ob wir uns die Ciudad Perdida („Lost City“, „Verlorene Stadt“) geben sollen. 5 Tage Trekking zu einer erst in den 70er Jahren entdeckten Ruinenstadt im Dschungel. Nach geteilten Meinungen dazu (von „sehr gut“ bis „Zeitverschwendung“) entscheiden wir uns für die Hängematte – auch weil wir Mücken nicht mögen!
Parque Tayrona
Cartagena
Gemeinsam fahren wir nach Cartagena, Olivers letztem Stopp vor seinem Heimflug nach Australien. Nun, die Altstadt im kolonialen Baustil ist schlicht umwerfend charmant, vergleichbar etwa mit Colonia del Sacramanto, aber durch die Lage in der Karibik mit anderem Flair  und atmosphärischen Gassen. In der Calle Medialuna tanzt man abends zu Reggae-, Samba- und anderen Latinbeats auf der Straße.
Main square in old town
Colorful Cartagena
Turbo / Capurgana
Jetzt wird es abenteuerlich. Nach dem Ausloten und Begutachten meiner Optionen nach Panama City zu kommen bleiben am Ende deren drei:
  • Flug, ca. $350 – 90 Minuten
  • Segelboot, ca. $550 (nur Transport + Mahlzeiten, exkl. etwaiger Rumvorräte) – 5 Tage, davon 2 auf offener See und 3 segelnd durch die San Blas Inseln
  • 2 Busse, 4 Highspeed Lanchas, ein Cargoschiff, ein getrampter SUV – 10 Tage, deren zwei von Cartagena ins Darien-Gap an die panamaische Grenze, 5 Tage mit einem Kuna Yala (Ureinwohner) Cargo Schiff durch das San Blas Archipel, 3 Tage auf der von drei Familien bewohnten Trauminsel Chichime – $447… all in!

Dass ich letztere Option so nicht vorhergesehen habe braucht  nicht erwähnt werden, aber dank der warmen und warnenden Worte des Hostelbesitzers in Cartagena („Junge, mach das mal nicht auf eigene Faust, da kannst du tagelang irgendwo festsitzen“) habe ich mich letztlich dazu genötigt gefühlt ihn und mich eines Besseren zu belehren.
Zwischen Kolumbien und Panama gibt es keine Landverbindung, die Panamericana ist hier auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern unterbrochen, da das undurchdringliche Darien-Gap gespickt ist mit Rebellen-Hochburgen der FARC, die hier ihre Kokain-Produktionsstätten betreiben und Abenteuerlustige entführen sowie einer beeindruckenden Ansammlung giftiger Spezies, die zwar nicht entführen, aber dafür direkt töten (Spinnen, Schlangen, Puma etc.). Also gut, dann werden wir dieses Gebiet mal umschiffen. Ich schnappe am frühen Morgen zwei Busse zunächst nach Monteria und anschließend nach Turbo, eine dreckige Kleinstadt an gleichnamiger Bucht. Am späten Abend komme ich dort an und um 6 Uhr kaufe ich mir ein Ticket für die 3,5-stündige Lancha-Fahrt (Speedboat) nach Capurgana. Getrieben von zwei bissigen 200PS Yamaha-Motoren peitscht das mit 25 Personen besetzte Boot über das Wasser. Mein Gepäck ist in Plastiksäcken verpackt – nach keinen 10 Minuten bin ich, korrigiere: sind alle, komplett durchnässt. Die See ist zwischen Dezember und März unberechenbar hieß es im Vorfeld. da scheine ich mit Ende Januar die beste Reisezeit für diesen Trip gewählt zu haben. Die Wellen sind heute zwischen 3 und 5m hoch. Während wir mit geschätzten 30-50km/h über die Bucht heizen knallt das Boot (vor allem im Bug-Teil, in dem ich glücklicherweise Platz nehmen durfte) über jede dieser Wellen und hüpft auf und ab und man wird unsanft von der Bank geschleudert und landet wieder auf selbiger. Das macht die ersten 30 Minuten noch Spaß, danach bin ich genervt und freue mich schon jetzt auf den brutalen Muskelkater im Allerwertesten, der mich noch zwei Tage verfolgen soll…
Capurgana ist ein verschlafenes Nest in einer kleinen Bucht am Rande des Darien Dschungels, nur wenige Bootkilometer von Panama entfernt. Ich verbringe den Tag hier mit Spaziergängen am Strand, dem Beobachten älterer Herren beim Dominospielen auf der Straße und einem abendlichen Schwatz mit einem Amerikaner, der mit dem Motorrad seit Colorado unterwegs ist und mir von einem Australier berichtet der seit 14 Tagen an der Militärbasis Puerto Obaldia auf der anderen Seite der Grenze festhängt. Cool, da muss ich hin! Und am nächsten Morgen schon breche ich auf.
To be continued…
Domino day

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