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Wednesday, October 17, 2012

Brasilien - die ersten Wochen

Servus miteinander zu einer neuen Runde Blogspaß mit Maik. Mit diesem Bericht will ich in loser Folge über meine aktuellen Reiseaktivitäten informieren - er richtet sich hauptsächlich an Freunde und Bekannte in Deutschland, was auch die Sprachwahl erklärt. Ich habe wegen der Menge an Leuten, die man auf Reisen trifft lange darüber nachgedacht auf Englisch zu bloggen, mich aber letztlich für Deutsch entschieden, weil es einigen Leuten, die mir wichtig sind, schlicht einfacher fällt dem Blog so zu folgen und es außerdem enorm zeitsparend ist. Ich finde letztlich auch, dass auch eine gewisse Originalität und Konsistenz im Schreibstil so einfacher gewahrt werden kann. Diverse Posts, Uploads und Kommentare sowie Nachrichten auf Facebook und Emails dienen weiterhin der Kommunikation mit meinen englisch- und spanischsprachigen Freunden und Reisegefährten. Ein Kommentar noch zu den Fotos: Ich werde an dieser Stelle nur einige wenige einbinden. Alben mit ausgewählten Fotos findet ihr dann in ihrer Gesamtheit nach und nach auf Facebook.

Und nun viel Spaß beim Lesen!



Kickoff / Luxemburg:
Nach meinem Ausstand in Hamm, bei dem ich die Gelegenheit hatte mich noch einmal bei vielen Freunden zu verabschieden ging es ab Sonntag mit leichten Kopfschmerzen in die letzten Vorbereitungen, sprich: Packen. Ich versuche mich auf das wichtigste zu beschränken und so effizient wie möglich zu bleiben. Anregungen habe ich im Internet bei diversen Blogs gefunden und die Liste von Malte sowie Tipps von Ibel, Markus und anderen haben mir weitergeholfen. Anbei auch eine Liste meines Hausstandes für die kommenden Monate:
https://www.dropbox.com/s/n6tgawakazgqyaa/Packliste.pdf 

Nach einer letzen Tollwutimpfung am Montag geht es dann am Dienstagmorgen los nach Luxemburg. Das Wetter ist trüb und regnerisch – die Stimmung gedrückt. Nachdem ich morgens  bereits Melina und Mama geherzt habe folgt der emotionale Abschied von Dre in Köln, die am nächsten Morgen nach Korea fliegt. See you in a few months! Nachdem ich nach einem gemeinsamen Essen Papa in Luxemburg ‚Adieu‘ sage und mir auch das alles andere als leicht fällt steht der erste Teil der großen Tour an. Marthe empfängt mich in ihrer Wohnung, wo ich gemeinsam mit David aus Israel ihre Couch surfe. Ich habe mir extra für diesen Trip einen Account erstellt (www.couchsurfing.org). Ich halte das für eine extrem coole Art einen Ort kennenzulernen, da man die Möglichkeit hat von Locals die besten Spots und Sights zu erfahren. Natürlich muss man dazu im Vorfeld immer genau seine Reisedaten kennen zwecks Planung. Das wird bei mir nicht immer der Fall sein, aber hier und da werde ich schon versuchen eine Couch zu klären. Gemeinsam gehen wir abends in eine Jazzbar und am nächsten Tag erkunde ich mit David (der zurzeit Jura studiert und nebenbei schreibt) zu Fuß LUX, bevor ich am Nachmittag zum Airport aufbreche. David treffe ich vielleicht nächstes Jahr in Israel.

Brasilien:
Rio de Janeiro
Am Flughafen in Rom treffe ich Ian. Er kommt aus London und ist Tänzer, Physiotherapeut und Lebenskünstler. Wir quatschen ein bisschen über unseren bevorstehenden Trip. Er reist ein paar Wochen durch Brasilien und Buenos Aires bevor er im Oktober nach Kanada zieht. Er hat bereits als Pre-Act für die Black Eyed Peas getanzt. Crazy! Wir treffen uns erneut bei Ankunft in Rio und verabreden uns für mittags im Hostel. Ich nehme den Bus nach Flamengo für R$12 (1€=2,6 Reais) und nach 1,5 Stunden im morgendlichen Berufsverkehr und 15 Min. Fußweg komme ich bei Luciana und Amanda an, meine Couchsurfing Hosts für meine erste Nacht in Brasilien. Die beiden gehen wieder ins Bett (ist ja erst 8 Uhr) und ich bekomme die Schlüssel in die Hand gedrückt und mache mich folglich auf den Weg. Noch etwas unsicher wegen meiner Dokumente und dem iPhone in der Tasche erwarte ich hinter jeder Ecke die brasilianische Räuberbande, die nur auf solche „Gringos“ wie mich wartet. Es geht aber alles gut. Einer meiner ersten Eindrücke ist der fremde Geruch in der Stadt. Eigenartig, gewöhnungsbedürftig. Es riecht nach Essen, Tieren und auch nach Dreck und teilweise Exkrementen – das alles in tropischer Atmosphäre. Mittags treffe ich mich dann erneut mit Ian: Wir flanieren an der Copacabana und durch Ipanema. Im Parque Garota de Ipanema haben wir einen geilen Ausblick auf beide Strände. Es entstehen gute Fotos. Am Abend nimmt mich Luciana zum Couchsurfing-Meeting an der Copacabana mit; das Bier kostet hier unschlagbare R$2 und später geht es bis zum Kopfweh weiter in Ipanema, wo der Abend im „Emporio“, einer beliebten Expat- und Touri-Bar, endet. Am nächsten Tag beziehe ich ein Zimmer im Hostel und breche auf zu Cristo Redentor, der weltberühmten Jesusstatue auf dem Corcovado. Hoch geht es auf einer idyllischen 30-minütigen Cable Car Fahrt durchs Grün. Oben ist es vollkommen überrannt, aber die Aussicht ist fantastisch. Auf dem Weg treffe ich Marion und Lisa. Marion macht gerade Sabbatical und ist nach Buenos Aires gezogen, Lisa ist nach dem Abi schon 16 Monate durch Asien, Neuseeland und Südamerika gereist und beginnt bald ihr Studium in Berlin. Wir verabreden uns abends für Drinks in Lapa, eines der Party-Epizentren Rios. Zurück im Hostel trinken wir mit freundlicher Unterstützung von Paul, dem südafrikanischen Barkeeper, 0,4l Caipirinhas für R$5, obwohl Paul auch gerne mal einen umsonst raushaut. Lapa ist Freitagabends der Wahnsinn. Die Leute feiern auf der Straße überall tönt Musik nach draußen oder Straßenmusiker ziehen die Leute in ihrem Bann. An den Straßenständen gibt es Fleischspieße und andere Leckereien und Caipirinhas für R$4. Die sind aber nicht so lecker wie die von Paul. Was folgt ist eine Menge Spaß, Jubel, Trubel und Heiterkeit und nach ein paar Stunden Schlaf ein morgendlicher Spaziergang im botanischen Garten, wo auch teilweise Affen um uns herum turnen und sich zum Affen machen. Später schaue ich mir noch die Innenstadt an. Das Interessanteste hier war sicherlich der Flohmarkt, auf dem man all die Sachen kaufen konnte, die zuvor solchen Touris wie mir abgenommen wurden. Ich hatte auch ständigen Geleitschutz von 1-2 übel ausschauenden Gestalten, die mir entweder hässliche Uhren andrehen wollten oder vielleicht darauf gehofft haben, dass mir zufällig Wertgegenstände aus den Hosentaschen plumpsen. Ich bin dann schnell weg und am frühen Nachmittag zum Zuckerhut (Pao de Açucar) gelaufen (entspannte 8km Fußweg), an dem ich dann mit meine FlipFlops bewaffnet den Hike nach oben angetreten bin. Das ist eine tolle Gelegenheit die R$53 für die Fahrt nach oben zu sparen. Außerdem ist Hiken gut für die Gesundheit! Oben schaue ich mir den Sonnenuntergang an. Schön! Abends dann mit einigen Leuten verzweifelt am Strand nach der Beachparty an der Copacabana gesucht von der im Hostel jeder geredet hat bis sich herausstellt, dass es sich dabei tatsächlich um eine Ansammlung von ca. 30 Menschen an einer Strandbar handelt. Man sagt uns wegen der anhaltenden „Kältewelle“ (lediglich 28 Grad tagsüber und 16 Grad nachts) bleiben die Brasilianer lieber drinnen. Achso. Am kommenden Tag für mich das Highlight in Rio de Janeiro. Wir haben eine Favelatour gebucht. Mit dem Bus geht es vom Hostel nach Rocinha, mit 120.000 Einwohnern die größte Favela Brasiliens. Uns wird mitgeteilt, dass die Favela erst im November letzten Jahres pazifiziert wurde (die Polizei marschiert ein und vertreibt die Drogenbosse). Diese Tour wurde bereits seit 7 Jahren angeboten, das bedeutet auch, dass man vor November noch Fotos mit 10-jährigen Halblingen machen konnte, die mit Maschinenpistolen bewaffnet sind und sich neben den Gringos postieren. Für einen Moment bin ich enttäuscht… RJ hat einige hundert Favelas und etwa 30 davon werden mittlerweile von der Polizei kontrolliert. Die Drogenbosse finden Unterschlupf in anderen Favelas oder verlassen die Stadt ganz. Manche werden gefangen genommen, andere lassen beim Versuch der Staatsgewalt Widerstand zu leisten ihr Leben. Der ehemalige Boss dieser größten Favela des Landes sitzt seit einigen Monaten in lebenslanger Einzelhaft, nachdem er mit mehreren Säcken voller Geld in den Rio umgebenden Hügeln aufgegriffen wurde. Kein schönes Schicksal für einen 27-Jährigen. Die Tour startet unten am Fuße der Favela. Mit Motorad-Taxis werden wir nach oben gefahren. Mein Fahrer muss eine Show machen und überholt nach und nach die vor uns losgefahrenen Mopeds. Ich überlebe und oben bietet sich und ein toller Blick über die Favela. Durch enge Gassen steigen wir hinab. lernen über die Geschichte der Favelas des Landes, essen Speisen in kleinen Läden und dürfen sogar Wohnhäuser besichtigen. Die Bewohner sind freundlich – vom Geld der Touris werden eine Schule und der Bau eines Krankenhauses mit kostenloser Versorgung finanziert. Außerdem sind sie stolz, dass die Leute kommen um sich anzusehen, wo und wie sie wohnen. Kids tanzen zu rhythmischen Klängen von Straßenmusik (auf Eimern, Aluminiumdosen und anderen improvisierten Instrumenten) für uns und freuen sich über ein paar Reais. Ein Kind fragt nach meiner $200 RayBan – ich sage natürlich nein und fühle mich schlecht. Auf den Wegen liegt überall Müll, Hunde und Katzen streunen herum, der Abwasserbach schlängelt sich neben und unter dem Weg her und ist voll mit Gerüchen übelster Sorte. Einige Häuser sind eingestürzt oder wurden vom letzten Regen weggespült. So sterben hier ständig Leute. Eine medizinische Grundversorgung gibt es erst seit Kurzem (s.o.). Rocinha grenzt im Übrigen direkt an Leblon, den reichsten Stadtteil Rios, in dem annähernd jeder Grundstücksbesitzer Millionär ist. Ich nehme eine Menge Eindrücke aus der Favela mit und verbringe den Rest des Tages an der Copacabana, wo Ian und ich sogar noch in den Genuss kommen, beim Beachfußball gnadenlos abgezogen zu werden.

Cristo Redentor - Christus Erlöser
Ilha Grande
Am Montagmorgen brechen wir nach Ilha Grande auf, eine Insel 2,5h südlich von Rio. Die Fahrt verläuft entspannt. Die Busse hier sind geräumig. Man hat mehr Platz und eine wesentlich bessere Polsterung als im Flugzeug. Die Sitze lassen sich weit nach hinten verstellen und das Gepäck kann man aufgeben. Die Wertsachen nehme ich im kleinen Rucksack lieber mit an Bord. In der Hafenstadt Angra dos Reis gehen wir (nachdem wir auf dem Schiff feststellen, dass uns das Zweifache des normalen Preises abgeknöpft wurde) auf eine 1-stündige Bootsfahrt nach Vila do Abrãao, dem Hauptort der Insel. An der Station treffen wir auf Bruno, der uns abholt und uns den Weg zu unserem Quartier zeigt. Nach einem kurzen Spaziergang am Strand folgt der etwa 15-minütige Hike zur „Jungle Casa“ – mit 20kg Gepäck auf dem Rücken ein Riesenspaß! Die Lage inmitten des Dschungels mit den einladenden Hängematten, dem frischen Früchteteller, der für uns bereitsteht und ein kühles Bier entschädigen für die Strapazen. Wir kochen gemeinsam, gehen später in einem der Hostels feiern (Ian ist zwischenzeitlich genervt, dass wir überall ständig auf Deutsche treffen). Der nächste Tag steht komplett im Zeichen des Sports. Nach einem Workout und ausgiebigem Frühstück am Morgen hiken wir drei Stunden lang durch die Tropen und kommen schließlich an der „Praia Lopes Mendes“ an. Der wurde sogar irgendwo zum drittschönsten Strand der Welt gewählt. Ich denke mir, dass ich allein drei schönere auf Hawai‘i aufzählen könnte und schnappe mir ein Surfboard. Der Rest des Tages läuft dann so: Wellenreiten, Bootfahrt zurück ins Dorf, Hängematte, Sonnenbrand, Caipirinha. Nachdem ich am kommenden morgen eine kleine Runde über 4 verschiedene Strände gejoggt bin und das Thermometer um 9 Uhr schon an der 30°C-Marke kratzt, entspannen wir in den Hängematten und fahren am Nachmittag wieder zurück aufs Festland. Hier geht es in den Bus nach São Paulo – vor uns liegen 7 Stunden Fahrt.

Ilha Grande
São Paulo
­­­­­Ian und ich zweifeln, ob wir noch einmal rausgehen sollen. Es ist 0:30h, wir haben uns im Hostel eingerichtet und wollen am Morgen eine Tour per pedes durch Downtown machen. Wir stellen fest, dass wir seit über 24 Stunden nicht mehr getrunken haben und sind entsetzt. Also per Taxi in die Rua Augusta, die uns zuvor empfohlen wurde. Vor den Bars stehen junge Leute und trinken Bier auf der Straße. Wir laufen die auf und ab, trinken und schwatzen hie und da mit, bevor der Abend dann unspektakulär im Puff endet... ha, ganz so war es natürlich nicht. Wir werden auf der Straße aber überall angesprochen und in die „Etablissements“ gelotst. Wir lassen uns bequatschen und finden uns kurz später von leichten Damen belagert an der Bar eines dubiosen Kellergewölbes mit einem unverschämt teuren Bier (R$10) in der Hand ein. Ich erkläre der lediglich mit Bindfaden bekleideten *Name vergessen*, dass ich wirklich nur zum Bier trinken hier bin und sie lacht mich dafür aus/an, gibt mir einen fetten Schmatzer auf die Wange und wackelt davon. Ihre Freundinnen wollen es ihr gleichtun – Ian und ich ergreifen die Flucht ins Hostel (vorm Schlafengehen schnell noch die Wange desinfiziert).
Morgens dann die besagte Tour im Centro/Centro Novo. Ich bin beeindruckt von den großen Gebäuden, den Menschenmassen in der Avenida 25 de Mayo (dicht gedrängt, voller Straßenverkäufer, Bekleidungs-, Elektronik- und Ramschshops) und esse einen Obstsalat im Mercado, in dem die Stände mit exotischen Früchten bestückt sind. Das Highlight ist sicherlich das Edificio Banespa, welches dem Empire State Building nachempfunden ist und unglaublich Views auf Sampa offenbart. Hier wird einem klar, was für ein riesiges Moloch diese 20-Millionen Metropole ist. Die größte Stadt der südlichen Halbkugel pulsiert unter mir.
Nachdem Ian zum Flughafen und Buenos Aires aufbricht beziehe ich abends meine Couchsurfing-Bleibe für die nächsten zwei Tage. Ich wohne mit Lucas, 26, und seiner jüngeren Schwester in Bela Vista, direkt an der Avenida Paulista, der Ader der Stadt, die wegen ihrer sie Reih an Reih umgebenden Hochbauten einem bei Nacht das Gefühl gibt man sei in der Matrix. Abends ein besonderes Schmankerl, wir treffen Lucas Freunde bei einem gemütlichen zusammensitzen und ich bin Lost in Translation, da alle Portugiesisch sprechen. Gelegentlich wirft man mir einen Happen Englisch oder ein Bier zu. Ich bin damit zufrieden.
Am nächsten Morgen jogge ich zum Parque do Ibrapuera, dem Central Park der Stadt, der bei wolkenverhangenem Himmel nicht seine ganze Pracht zeigen kann. Der Rückweg über die hügeligen Straßen ist brutal, meine Beine bleischwer vom Alkohol der letzten Woche, aber ich habe mir vorgenommen wenigstens 2-3 Mal die Woche Sport zu machen und ziehe das bislang auch erfolgreich durch. Zum Mittag treffe ich Fabio (vom Vorabend) in Vila Madalena. Er arbeitet hier und gibt mir eine Tour durch das Bohème-Viertel, das mit toller Architektur und Grafittis beeindruckt. Wir verspeisen 3 typische brasilianische Gänge in einem hip eingerichteten Restaurant (es gab z.B. Chicken mit scharfer Schokoladensauce und Bananenchips). Am Nachmittag besuche ich dann noch das Fußballmuseum im Estadio Municipal, wo die Corinthians ihre Heimspiele austragen. Beim Geschwindigkeitsmessen an der 3D-Torwand mache ich mit 89 km/h ganz locker Pedro & Co. (53-72km/h) nass, die mich vorher im Museum die ganze Zeit zugequatscht haben und mich am Ärmel in die Schlange zum Anstehen ziehen (ich hatte ihm auf Portugiesisch zu verstehen gegeben: „Ich bin Deutscher“, „Ich spreche kein Portugiesisch“, „Ich mag Podolski“). Pedro und seine Freunde sind übrigens in der 5. Klasse. Es folgt ein Abend der besonderen Sorte. Mit der Klikke vom Vortag wird an selber Stelle vorgetrunken und anschließend, so gegen 1:00 Uhr, geht es in den Club. Etwa 15€ Eintritt und das Bier für 4€. Chin Chin! Zu den Klängen brasilianischen Schlagers & Funk à la James Brown mit fetten Beats kocht der Laden über. Ich gebe den weißen Usher, habe eine mega Zeit und erinnere mich nur noch dunkel an das Frühstück (Pizza und mit Käse gefüllte Teigwaren) in einem Restaurant, in dem sich um 7 Uhr morgens die Freunde der Nacht die Klinke in die Hand geben.
Am nächsten Tag besuche ich das MASP, ein architektonisch ansehnliches Kunstmuseum, für das ich zunächst 15 Reais legen soll. Ich flaxe rum, erzähle mit Hand und Fuß, dass ich meinen Studentenausweis verlegt habe und versuche den zunächst skeptischen Kartenverkäufer zu bequatschen. Lucas lacht sich neben mir schlapp. Ich bekomme das Studententicket für R$6. Es gibt immer einen Weg in Brasilien das zu bekommen was man haben möchte, die Brasilianer machen es irgendwie möglich bzw. das Beste daraus. So hatte es mir Lucas vorher erzählt: Jeitinho brasileiro!

São Paulo - vom Torre do Banespa

Foz do Iguaçu / Puerta Iguazu (Argentinien) / Ciudad del Este (Paraguay)
Über Nacht fahre ich in die Region Paraná in das 1000km entfernte Dreiländereck Brasilien / Argentinien / Paraguay. Die Fahrt dauert 15 Stunden und kostet 28€. Was ein Schnäppchen. Morgens um 9 Uhr komme ich in Foz do Iguaçu an. Bei jetzt schon mörderischer Hitze erreiche ich mit Backpacker auf dem Rücken sowie kleinem Rucksack mit Wertsachen und Laptop vorne schweißgebadet das Hostel. Der Grund meiner Reise sind die Iguassu-Wasserfälle am Rio Paraná, die sowohl von der brasilianischen als auch argentinischen Seite zugänglich sind. In ihrem Ausmaß sind sie die größten Wasserfälle der Welt, mehr als dreimal so groß wie die Niagarafälle und mit 2,7 km Länge ebenfalls größer als die Victoria-Falls in Afrika. Ich beziehe mein Zimmer, verpacke iPhone und Bargeld wasserdicht und machen mich auf. Im Bus treffe ich zwei freundliche ältere Herren aus Texas, die mich von ihrem Verschwörungstheorie-Kult überzeugen wollen. Total lustig: World Trade Center, die kommenden Wahlen in den USA, die Staatsangehörigkeit Barack Obamas – alles Lügen. Und überhaupt gehören Politiker, Gefängnisse, 110 Zentralbanken auf der ganzen Welt usw. den Bankiersfamilien Rothschild, Rockefeller und wie sie alle heißen… Ich schlage ihr Angebot gemeinsam die Wasserfälle zu erkunden aus und ziehe alleine von dannen. Im Umdrehen vernehme ich noch „Bob, Maik here was a doubter!“ und bin furchtbar amüsiert. Die Wasserfälle halten was sie versprechen. Ich hike den Trail entlang und habe eine wunderbare Sicht auf die gegenüberliegenden Fälle auf der argentinische Seite. Das Panorama hier ist schlicht beeindruckend. Am Ende des Weges kommt man sogar noch auf einem kleinen Steg bis ganz nah an den Wasserfall heran. Dieser Teil nennt sich „Garganta do diabo“ – Teufelskehle! Im Anschluss schaue ich mir den Vogelpark an und chille mit Papageien und Tukans um die Wette (s. Profilbild im Facebook).
Am nächsten Tag folgt dasselbe Spiel auf der argentinischen Seite. Diese unterscheidet sich von der brasilianischen insofern, als man viel näher an die Wasserfälle heran kommt (dieses Mal sowohl von oberhalb als auch unterhalb) und die gesamte Länge, die man am Vortag als Panoramasicht genießen konnte nun auf drei verschiedenen Wanderwegen hiken kann. Wir (englisches Mädchen, australisches Mädchen, Maik) haben dann noch eine Bootsfahrt zu einer kleinen Insel gemacht. Mehr Hikes, mehr Views. Prima!  Insgesamt waren die Fälle ein beeindruckendes, wenn auch etwas teures (je ca. 20€ Eintritt) und touristisches Vergnügen. Aber das gewaltige Naturschauspiel hier ist schon etwas ganz Besonderes. Cool war auch der Weg auf die argentinische Seite: mit dem Bus vom Hostel zur Grenzstation in Brasilien. Dort steigt man aus, bekommt ein Ticket für den nächsten Bus und holt sich an der Grenze den Exit/Salída-Stempel für Brasilien. Um mir die Wartezeit zu sparen bin ich einfach losmarschiert und habe die Grenzbrücke (auf der einen Seite grün-gelb auf der anderen weiß-blau in den Landesfarben gestrichen) zu Fuß überquert. War dann 25 Minuten später an der argentinischen Grenzstation auf der anderen Seite und habe dort nach Holen des Eintritt/Entrada-Stempels, den Bus zum Park genommen. Alles etwas nervig und zeitaufwendig, aber wenigstens mal zu Fuß von Brasilien nach Argentinien gelaufen. Das gleiche Spiel natürlich auch zurück. Weil vor mir ne Reisegruppe Neuseeländer dort war und deren Guide mit 100 Pässen die ganze brasilianische Belegschaft beschäftigt hat, durfte ich geschlagene zwei Stunden an der Grenze warten. Bääh!
Nachdem ich mir für den Nachmittag des Folgetags einen Bus nach Buenos Aires herausgeschaut hatte (es gibt nicht wirklich günstige Alternativen diese ~1.400 km vernünftig zu überbücken, Flüge kosten 200€+), hatte ich den Vormittag zur freien Verfügung und habe ihn zunächst mit spanischen Verben in der Hängematte am Pool des Hostels verbracht. Mittags bin ich dann noch kurz nach Paraguay gefahren (klingt lustig, oder?). Mit dem Bus 20 Minuten zur Freundschaftsbrücke (Ponte da Amiztade) und von dort wieder zu Fuß nach Ciudad del Este in Paraguay. Das Labyrinth der Straßenverkäufer auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich über mehrere Blöcke und was einen da erwartet ist ein Basar günstiger und schlecht gefälschter Bekleidung und noch günstigerer Elektronikartikel. Nachdem ich beim Versuch eine Kamera zu kaufen mehrmals an der Ware (Original?) oder am Preis ($20 für eine Olympus? Wirklich? Definitiv gefälscht!) gezweifelt habe, gab ich gefrustet auf. Die Ausbeute des Nachmittags: eine iPhone-Schutzhülle ($2), eine freshe Mash-Cap ($4) und ein traditionelles paraguayisches Mittagsessen – McDonald’s, $6. Paraguay war übrigens 1850/60 das reichste südamerikanische Land. Deren König dachte dann es sei eine prima Idee sich mit der Allianz aus Argentinien, Uruguay und Brasilien anzulegen. In einem mehrjährigen Krieg wurde der Großteil der männlichen Bevölkerung Paraguays getötet und das Land verlor enorm an Staatsfläche. Davon hat sich das arme Paraguay nie wirklich erholt und begann kurz nach diesem Krieg mit der Massenproduktion gefälschter Hollister-Shirts – bis heute eine Haupteinnahmequelle ;-)
Um mir den Grenzstress zu sparen und weil ich schon hoffnungslos zu spät für meine Bus nach Buenos Aires war habe ich improvisiert. Exit-Stempel in Paraguay, zu Fuß über die Grenze nach Brasilien ohne Immigrationsstempel, fix zum Hostel mein Gepäck geschnappt und mich vom Taxifahrer für ca. 7€ an die argentinische Grenzstation vom Vortag fahren lassen, um nun dort wieder zu stempeln. Einmal kurz illegaler Transit durch Brasilien. Alles gut gelaufen. Ich war dann noch 30 Minuten vor Abfahrt in Puerto Iguazú und habe jetzt 18 Stunden Busfahrt vor mir. Die Sitze sind Cama, d.h. komplett herunterfahrbar, es gibt Decken und Kissen sowie ein Bar mit Kaffee und Säften und auch Abendbrot und Frühstück sind inklusive. Ich habe 90€ dafür legen müssen und hoffe, dass die längeren (und preisintensiveren) Reisen damit vorerst ein Ende haben, nun da ich Brasilien nach knapp zwei Wochen verlasse…

Iguassu Fälle