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Thursday, December 20, 2012

Bolivien

Ein Fotoalbum folgt in den nächsten Tagen im J-Book


Salar de Uyuni
Früh morgens werden Marion und ich in San Pedro von einem Fahrer abgeholt und lernen unsere Reisebegleitung für die kommenden Tage kennen. Marc und Robert aus Spanien, die uns auf diesem Trip noch eine Menge über Fotografie beibringen werden sowie Maria und Jeremy aus Seattle. Die 3-tägige Salt-Flat Tour beginnt mit einer imposanten Fahrt 50km stetig bergauf zur Grenze zwischen Chile und Bolivien. Hier beginnt das Altiplano, eine Region, die große Teile des Westboliviens und Südostperus ausmacht und fast durchgängig über 3.500m liegt. Man bedenke, dass bislang die Zugspitze (2.968m) meinen Höhenrekord markiert, aber jetzt geht es hoch und noch höher hinaus! An der Grenze der erste Vorgeschmack auf Bolivien: Bestechungsgelder der beiden Amerikaner werden von den Grenzbeamten nur zu gerne akzeptiert und unsere Freunde dürfen ohne Visum (für sie sonst $150) einreisen. „Sagt einfach ihr seid Chilenen“, so steht es auch im Einreisedokument der beiden. Na klar!
An der Grenze bekommen wir Frühstück serviert und wechseln anschließend das Vehikel. Auf uns wartet ein Geländewagen samt Fahrer, die beide schon bessere Tage erlebt haben. Was dann kommt ist in Worte kaum zu fassen, die beeindruckende Landschaft durch die wir hier fahren ist weit entfernt von allem was ich bislang gesehen habe. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die Highlights, da ich sonst etliche Seiten schreiben könnte und die Beschwerden über meine langen Texte ohnehin schon eingegangen sind ;-)
Direkt an der Grenze passieren wir den Vulkan Ollagüe, der das letzte Mal vor ein paar Jahren ausgebrochen ist und den wir auch am kommenden Tag noch einmal von einem Mirador (Aussichtspunkt) bestaunen können. Vorbei an wunderschönen und unberührten Lagunen (Laguna Blanca, Laguna Verde) und bizarren Landschaften geht es zum Mittag an eine weitere Lagunen, an deren Rand es heiße Thermalquellen (ca. 40°C) gibt, die ich direkt zum Baden nutze! 
Hot springs
Nach dem akzeptablen Mittag, steigt nun auch unsere Köchin hinzu, die sich als des Fahrers Frau herausstellt und die beiden okkupieren fortan die Vordersitze während wir zu sechst auf den hinteren Bänken Platz nehmen. Nach einem steilen Anstieg kommen wir auf knapp 5.000m bei einem Geysirfeld an. Hier weht eine kühle Brise und es raucht und dampft aus der Erde und wir bestaunen silbergraue Schlammpfützen, die vor sich hin brodeln und spritzen. Ein bizarrer Anblick. Der harsche Wind kreiert eine etwa 25m lange Rauchfahne, die von einem der Geysire in die über die Ebene zieht. Nachdem sich die Temperatur des Rauches in einigen Metern Entfernung als erträglich herausstellt lassen wir uns selbigen um die Ohren blasen. Bei dieser Gelegenheit fliegt mir dann auch meine Kopfbedeckung davon und ich setze zum Sprint an. Nach etwa 10 Sekunden droht meine Lunge zu explodieren. Extremleistungen 5km über dem Meeresspiegel abzurufen stellt sich als Quälerei heraus. Ich schließe zum Hut auf, falle, schlage mir das Knie blutig und zerreiße meine Trekkinghose, stehe auf, renne weiter und schnappe mir das blöde Ding nach etwa 30 Sekunden. Ich bin kurzatmig wie noch nie zuvor in meinem Leben, schnappe nach Luft und sehe Sterne und trotte im Schneckentempo zurück zur Gruppe, die sich äußerst amüsiert zeigt.
Geysirs and boiling blob
Laguna Colorada
Our cook!
Die Höhe bekämpfen wir fortan mit Kokablättern, die uns von der „Köchin“ zur Verfügung gestellt werden. Diese kaut man ein wenig und baut dann ein kleines Nest zwischen Wange und Zähnen, um den Saft über die kommenden Stunden zu schlucken. Der Mund ist nun zwar leicht betäubt, aber zumindest der Höhenkopfschmerz verschwindet. Produkte aus Koka (neben Quinoa so etwas wie die Nationalpflanze Boliviens) gibt es ohnehin in jedem Kiosk oder Restaurant – so zum Beispiel auch Tee, der durch Aufguss der Blätter entsteht oder aber Kaubonbons im Kiosk, die angeblich ebenfalls bei Symptomen der Höhenkrankheit helfen. In einer anderen kommerziellen Form wird Koka dann auch oft auf der Straße oder in den Bars angeboten, von diesem (im Gegensatz zu obigen) illegalen Produkt sollte man aber lieber die Finger von lassen; der Gesundheit wegen und da lateinamerikanische Gefängnisse nicht den geringsten Reiz auf den gemeinen Traveller ausüben dürften.
An der Laguna Colorado (wie der Name erahnen lässt ein Farbenschauspiel aus einer anderen Welt) beziehen wir unser Basislager für die erste Nacht. Wer auf Komfort schwört wird hier enttäuscht sein. Es gibt weder Elektrizität aus Steckdosen, noch warmes Wasser, geschweige denn eine wärmende Isolierung in der notdürftigen Baracke, die einigen Mitreisenden beim bloßen Anblick einen Schauer über den Rücken treibt. Den Rest übernehmen die nächtlichen Temperaturen jenseits des Gefrierpunktes. Nach Tee und Keksen, einer leckeren Gemüsesuppe und Nudeln mit Tomatensoße zum Abendessen wird es Zeit sich in die fünf Schichten wärmender Decken zu kuscheln, aber nicht ohne vorher einer amerikanischen Tradition zu gedenken. Es ist Thanksgiving und so sitzen wir gemeinsam am Tisch und wir sechs erzählen uns für welche Ereignisse aus dem  vergangenen Jahr wir dankbar sind. Ein besonders schöner Moment.
Laguna with flamingos
Lunchtime
"Basic accommodation"
Am nächsten Morgen geht es um 6:00 Uhr in der Früh weiter und auch dieser Tag ist gefüllt mit atemraubenden Naturschauspielen. Nachdem wir zunächst die „Árboles de Piedra“ (Bäume aus Stein) bestaunen können fahren wir anschließend zu einer weiteren Lagune, auf der uns tausende von Flamingos begrüßen. Aus nächster Nähe beobachten staunen wir das Schnattern und Flattern des Federviehs. Entlang des Weges gibt es außerdem immer wieder verschieden Vertreter folgender Vierbeiner (derselben Gattung) zu entdecken: Lamas, Alpaccas, Vikunjas und Guanakos, die für mich – neben ihrer seltenen Schönheit – in den kommenden Tagen in erster Linie für wärmende Pullover und saftige Steaks stehen ;-)
Stone tree
Old railway tracks
Nach dem Mittagessen mit Begleitung hungriger Hasen und einem Zwischenstopp an der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Chile und Bolivien kommen wir am Nachmittag in einem kleinen Dorf am Salar de Uyuni an einem Salzhotel an. Hier ist alles, der Name verrät es, aus Natriumchlorid: das Gemäuer, der Boden, die Tische und sogar die Deckenverzierungen. Wir sind am größten Salzsee der Welt angelangt!
Salar de Uyuni
Um 4:00 Uhr quälen wir uns aus dem – diesmal etwas komfortableren – Bett und fahren dutzende Kilometer durch die Nacht über die meterdicke Salzkruste des schier endlos scheinenden weißen Sees zur Isla del Pescado, um dort die aufgehende Sonne an diesem neuen Tag zu begrüßen. Auch unsere Lamafreunde sind bereits wach und freuen sich mit uns. Später haben wir Gelegenheit inmitten des Sees Halt zu machen und Fotos zu schießen die wegen der endlosen weißen Weite und des fehlenden Bezugspunktes für das menschliche Auge geniale optische Täuschungen zulassen. Nach dem Besuch eines Salzmuseums (hier hat jemand ernsthaft eine BVB-Flagge gehisst) endet die Tour mit einem Abstecher zum Cementerio de Trenes in Uyuni, dem Zugfriedhof, der seinen Namen wegen der abgestellten und ausrangierten Züge hat, die hier beklettert und bemalt werden können.
Isla del Pescado
Potosí
Da Uyuni selbst nicht sonderlich reizvoll ist fahren wir noch am selben Tag direkt nach Potosí weiter. Auf 4.060m ist dies die höchstgelegene Stadt der Welt und sie ist insbesondere durch die Minenindustrie im nahegelegenen Cerro Rico bekannt. Der Minenboom und die Vorkommen an Mineralien wie Silber, Zink, etc. sicherten der Stadt in der Kolonialzeit Reichtum und vorübergehend einen Platz unter den seinerzeit größten Städten der Welt. Heute ist nicht mehr viel übrig vom alten Ruhm und Glanz der vergangenen Jahrhunderte und die Mineros der Stadt haben ein schweres Schicksal. Die Vorräte werden immer geringer und keiner weiß so recht wie lange der ausgebeutete Cerro Rico noch den Sprengungen und Bohrungen standhält, bevor er in sich kollabiert und vermutlich eine Geisterstadt zurücklässt. In einer organisierten Tour besuche ich am nächsten Morgen die Mine, in voller Montur fahren wir zunächst zum Markt und kaufen Kokablätter, Zigaretten, Getränke und Sprengstoff (ja, Dynamitstangen mit Zündschnur zum freien Verkauf für 20Bs, ~2€) als Geschenke für die Minenarbeiter. Darauf halten wir noch bei einer Raffinerie und können uns vor Ort anschauen wie das Silber gefiltert und von den übrigen Bestandteilen getrennt wird. Dann wird es allerdings ernst. Wenig später betrete ich die Mine und kann nicht glauben was ich sehe. Die Gänge sind teilweise so eng, dass man hindurch kriechen muss (nicht für Klaustrophobe), teilweise kann man unten kaum atmen vor Staub, es gibt zentimetertiefe Pfützen, es riecht nach Fäkalien (offensichtlich keine öffentlichen Toiletten vorhanden) und von der Decke tropft es und überall wachsen Schimmelpilze, Mineralablagerungen in bunten Farben und Asbest setzt sich in dichten Fäden von den Wänden ab. Es gibt keinerlei Sicherheitsvorschriften oder – vorkehrungen. Da ist nichts für schwache Nerven. Wir klettern hinunter auf etwa 55m, insgesamt geht es hier bis auf 120m. Hier herrschen bereits 35°-40°C. Die Arbeiter machen diesen Weg jeden Tag, teilweise mit kiloschwerem Transportmaterial auf dem Rücken, ich verfluche in schon noch einmaligem ab- und aufsteigen. Die Mine fordert Menschenleben: geschätzte 9 Millionen (!!!) haben hier seit der Kolonialzeit ihr Leben gelassen und Spanien Reichtum sowie Bolivien einen Populationsschwund beschert. Auch heute sterben hier immer wieder Arbeiter bei unkontrollierten Sprengungen, Unfällen oder die meisten an den gesundheitlichen Folgen der Arbeit in der Mine. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Mineros beträgt 55 Jahre, einige von ihnen fangen mit 13 oder 14 Jahren an zu arbeiten, nach 10 Jahren ist die Lunge kaputt. Aber wie uns unser Guide erzählt (Daniel, 26 Jahre alt, selbst drei Jahre in der Mine aktiv, sein Vater arbeitet seit 25 Jahren hier) ist der Beruf verglichen mit dem Durchschnittseinkommen in Bolivien noch immer recht lukrativ und es gibt einen Witz unter bolivianischen Mädchen: „Heirate einen Minenarbeiter – die verdienen viel Geld und sterben früh“. In der Miene kann man etwa 5.000 Bolivianos im Monat verdienen. Mal mehr, mal weniger. Das sind 550€.
Entrance to the mines
One of the local miners
Asbestos growing from the walls
Yuck!
Sucre
Sucre ist – wie wenige wissen – die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens. La Paz fungiert lediglich als Regierungssitz und ist international deutlich bekannter. Hier, in der relaxten Studentenstadt verbringen wir drei entspannte Tage und tanken Energie für den weiteren Trip. Die schöne Altstadt mit ihren weißen (da regelmäßig gesandstrahlten) Gebäuden lädt zum Flanieren und Erkunden ein und ich begebe mich auf Shoppingtour und werde bei neuen Joggingschuhen (Original Adizero Feather für 28€ ergaunert) fündig. es ist auch der absolute Hammer wie günstig Bolivien ist. So essen wir ein 3-Gänge Menü (Salat, irgendwas mit Huhn und Reis, Eisbecher) zur Mittagszeit für 18 Bolivianos inklusiver Getränk. Das sind immerhin stolze 2,05€ (!!!). Eine Menge über die Geschichte des Landes und seinen Gründungsvater Simon Bolivar („de Romulus Rom – de Bolivar Bolivia“) lerne ich in der Casa de la Libertad und den besten Fruchtsalat meines Lebens verspeise ich morgens im Mercado – mit mindestens 6 verschiedenen leckeren Früchten, Jogurt, Nüssen und irgendwelchen Streuseln. Delicious!
Sucre downtown
La Paz
Es folgt eine 12-stündige Busreise in das kulturelle und ökonomische Zentrum des Landes. In der Nicht-Hauptstadt La Paz treffe ich im Wild Rover Hostel (irisch geführte Partyhölle, die ich auch in Cusco wieder besuchen sollte) meine Homie Oliver aus Australien, mit dem ich bereits auf der Fahrrad-Weintour in Mendoza eine gute Zeit hatte. Ich entscheide mich ziemlich schnell das Highlight meiner Zeit überhaupt in Boliven (in Sachen Adrenalinkick) zu buchen und den Rest des Tages die City abzulaufen. La Paz liegt idyllisch in einem Talkessel und es gibt einige schöne Aussichten auf die Stadt und die umliegenden Bergketten mit dem omnipräsenten Illimani (ca. 6438m).
Illimani in the background - typical backpacker in the front
Dann folgt der Flash schlechthin. Früh morgens holt mich ein Van am Hostel ab und wir fahren in einer Gruppe von drei weiteren Adrenalinjunkies etwa 30 Minuten von La Paz auf eine Höhe von 4.300m. Mit der Tourcompany Gravity Assisted Mountainbiking werde ich an diesem Tag ins 64 km entfernte Yolaso fahren. Und zwar stetig bergab -  die ersten paar Kilometer auf einer geteerten Straße und anschließend auf einer Schotter- und Felspiste die gemeinhin als „The world’s most dangerous road“ gilt. Die Yungas Straße schlängelt sich immer am Abgrund entlang Richtung Tal durch 3 verschiedene Vegetationszonen bis in die tropischen Tiefen. Teilweise geht es 400m steil bergab und jedes Jahr sterben hier noch immer Leute bei der Abfahrt oder brechen sich diverse Knochen. Da freut man sich, dass Linksverkehr herrscht und man auf der abgrundnahen Seite fahren darf. Ich komme glücklicherweise mit dem Spaß davon J Aber unser erfahrener Guide Allister hat auf dem Weg zurück nach oben (dieselbe Strecke im Van – erst jetzt realisiert man so richtig wie bescheuert man überhaupt ist) alle Geschichten parat. Ehemaliger Management Consultant (aka Unternehmensberater – meine Beschäftigung für die letzten 5 Monate nach dem Studium) aus Neuseeland, der sich vor 14 Jahren mit dieser Idee in Bolivien platziert hat und damit der erste seiner Art war. Heute gibt es Copy Cats en masse, die mit seinem teilweise 8 Jahre altem Equipment denselben Kram anbieten. Er kann darüber nur den Kopf schütteln und berichtet wie er Tote oder Verletze anderer Companys geborgen hat weil diese kein Notfall-Equipment besitzen und er immer anschließend die Strecke wieder im Van hinauf fährt. Die Kreuze am Straßenrand zeugen von den Unfällen. Ich bin happy die 100$ für den besten Service und das beste Equipment investiert zu haben.
Death Road
Im direkten Anschluss an dieses schweißtreibende Programm bietet sich auch noch eine Runde Ziplining über drei kombinierte Seile an. Ich lasse mich nicht zweiml bitten und nehme diesen Spaß auch noch mit. Mit 85 km/h geht es zunächst im Superman-Anzug und die letzten beiden Rides ganz normal die Canopy-Lines hinunter. Mein Adrenalindurst für diesen Tag ist spätestens jetzt gestillt.
It's a bird... it's a plane... it's Supermaik!
YMCA

Am folgenden Tag regnet es wie hacke und ich gönne mir einen Haarschnitt für 2€. Sieht in etwa auch danach aus…
Copacabana / Lago Titicaca / Isla del Sol
Nach einer letzten „entspannten Nacht“ in unserem Lieblingshostel geht es kommenden morgen auf zum höchsten Süßwassersee seiner Größe, der Lago Titicaca auf etwa 3.800m im Grenzgebiet zwischen Bolivien und Peru. Oliver und ich bleiben eine Nacht in der Stadt Copacabana, die tatsächlich namensgebend für den gleichnamigen Strandabschnitt in Rio de Janeiro ist. Die Ähnlichkeit ist frappierend – nur dass der Playa hier wesentlich kleiner ausfällt. Wir beklettern einen Hügel (auf 3,8km Höhe ist das eine ganz schöne Tortur) und schauen uns den Sonnenuntergang über dem See an. Wir geraten dabei in ein seltsames Ritual in dem indigene Bewohner irgendetwas verehren (Pachamama – so etwas wie die personifizierte Mutter Erde) und dabei in ihrer Sprache Quechua Verse murmeln und überall 100% Trinkspiritus erst verschütten und dann selber süppeln.
Copacabana, Lake Titicaca
Eeh aah!
Für uns gibt es an diesem Abend keinen 100% Alkohol, da wir am nächsten Tag zu Isla del Sol, etwa eine Bootsstunde entfernt, aufmachen. Dort hiken wir von der ebenfalls von Idigenos bewohnten Südseite der Insel in einem Tagesmarsch in den Norden, übernachten dort für 2,50€, bestaunen den Sonnenaufgang um 6 Uhr und wandern eine andere Route über die Bergrücken (auch auf 4,1km macht Hiken nur mittelmäßig Spaß) wieder zurück. Dabei genießen wir die spektakuläre Sicht auf den See, das Festland und die Bergketten im Hintergrund.
Hiking on top of Isla del Sol
In Copacabana angekommen schnappen wir uns am späten Nachmittag einen Bus. Auf nach Peru!

Thursday, November 22, 2012

Chile


Hier der Bericht über die letzen zweieinhalb Wochen in Chile. Ein Facebook-Album mit mehr tollen Fotos folgt sobald ich in Bolivien Zeit und vernünftiges Internet habe. Das kann eine Weile dauern :) Ist aber mittlerweile geschehen!
Santiago:
Über den Andenpass geht es auf einer spektakulären Fahrt Richtung Chile. An der Grenze im Hochgebirge zieht sich die Prozedur wie Kaugummi. Nachdem alle Stempel gesammelt und alle Koffer und Taschen gecheckt sind (Chile hat enorm strenge Einfuhrbeschränkungen, z.B. für Lebensmittel) beginnt die Abfahrt zur Landeshauptstadt Santiago de Chile. Ich treffe mich abends in El Golf mit Francisco von Couchsurfing, hier im Finanzdistrikt der Stadt haben die Bars und Straßenzüge enorme Ähnlichkeit mit den USA. Die Preise in etwa auch. Man merkt, dass Chile das am weitesten entwickelte Land in Lateinamerika ist – gemessen an westlichen Standards. Heute hat es in etwa dasselbe per capita Einkommen wie Portugal und wird nach Aussage eines lokalen Guides anhand dieser Kriterien bald als erstes Land in Lateinamerika den Status als 1. Welt Staat erreichen.
Descending the Andes
Der Balkon des Hostels im 6. Stock bietet einen fantastischen Blick über die Plaza de Armas, den Hauptplatz der Stadt, auf dem buntes Treiben herrscht. Straßenverkäufer preisen ihre Ware an, Biebelprediger beschwören ihre (freiwilligen und unfreiwilligen) Zuhörer, die Leute treffen sich hier in Cafés oder an Essenständen, halten ein Pläuschchen und Touristen lassen sich ihre Kameras klauen. Die Atmosphäre erinnert mich sofort an „Djemma el Fna“ in Marrakech. Gleich, aber anders. Am Folgetag erhalte ich von Dominique eine Tour durch die Stadt. Sie ist ebenfalls bei Couchsurfing und war so lieb sich einen Tag für mich Zeit zu nehmen und mir die Highlights in einer „Walking Tour“ näherzubringen. Wir besteigen dabei unter anderem die Hügel der Stadt, den schönen Cerro St. Lucia im Zentrum und später San Cristobal, der noch wesentlich höher ist und einen imposanten, wenn auch völlig versmogten, Blick auf die Stadt zulässt. Weitere Highlights dieser Tour sind der Besuch eines Fotographie-Museums sowie auf der Plaza de la Constitución der Presidentenpalast La Moneda. Dieser war 1973 Schauplatz des dramatischen Militärputsches durch Augusto Pinochet, in dem jener, mit finanzieller Unterstützung der USA, die Macht für 16 Jahre an sich riss. Zeitgleich bedeutete der Putsch den Suizid Salvador Allendes – erster demokratisch gewählter kommunistischer Präsident der Welt. Auch für eine einstündige Siesta in einem kleinen Park bleibt Zeit, nachdem in Bellavista, dem Bohemian Viertel Santiagos, günstig, ausgiebig und typisch chilenisch gespeist wurde (Burger mit Beef, Tomaten, Mayonnaise, Ketchup, Avacadocreme). Auf dem Cerro Santa Lucia habe ich eine andere typische chilenische „Speise“ probieren können: Mote con huesillos. Eingekochte Pfirsiche in ihrem süßen Saft serviert mit eingelegten Maiskörnern. Es ist allemal gewöhnungsbedürftig diesen Drink zu löffeln, aber dennoch eine erfrischende Abwechslung in der prallen Mittagssonne.
In meiner verbleibenden Zeit in der Hauptstadt besuche ich dann noch das Museum de la Memoria, das sich ausgiebig mit den Ereignissen des oben erwähnten Militärschlags befasst. So lerne ich, dass das Land zwar einen starken wirtschaftlichen Aufschwung unter Pinochet erfährt, zur selben Zeit aber auch tausende Menschen verschwinden oder gefangen genommen werden, zumeist Oppositionelle oder deren Angehörige, zum Teil sogar Kinder. Diese werden in Militärgefängnissen ähnlich der Konzentrationslager der Nazis gefangen gehalten, gefoltert, ermordet. Der Verbleib hunderter Verschwundener („desaparecidos“) ist bis heute ungeklärt und auch Überreste Verstorbener konnten teilweise bis heute nicht abschließend identifiziert werden. Die Chilenen haben eine gespaltene Meinung über Pinochet, für die meisten ist Salvador Allende jedoch ein Held.
Am Nachmittag plane ich abzureisen, schaue mir aber vorher noch mit Anouk aus dem Hostel den Früchte- & Gemüsemarkt „La Vega“ an sowie den Mercado Central, in dem es äußerst fischig riecht. Wir gehen in ein „Café con piernas“ und sehen Männer mit Anzug und Krawatte, die sich von leicht bekleideten Damen (Café con piernas = Kaffee mit Beinen) Kaffee servieren lassen und gegen Trinkgeld Schmeichel-/ Flirteinheiten erhalten. Einige dieser Cafés sind dafür bekannt, dass es nicht unbedingt beim sexy Kaffee bleiben muss. Eine schräge Erfahrung. Im Anschluss schauen wir noch in der Piojera-Bar vorbei, da mir ein lokaler Drink (Terremoto/Erdbeben) empfohlen wird. Dieser besteht aus einer Mischung aus Wein und Eiscreme plus Fernet on top. Wir versacken und ich beschließe eine weitere Nacht zu bleiben.
Plaza de Armas, Santiago de Chile
Viña del Mar / Valparaíso / Concon
Viña und Valpo könnten unterschiedlich kaum daherkommen. Auf der einen Seite ist Valparaíso, die größte Hafenstadt Chiles, zugleich die ärmste Stadt des Landes. Die Kriminalitätsrate ist hier angeblich sehr hoch insbesondere nach Anbruch der Dunkelheit. Unter keinen Umständen möchte ich diese Erfahrung jedoch missen. Die Stadt besteht aus über 40 Hügeln und ist ein Patchwork aus Hafenviertel, Plazas, bunten Häusern und Verzierungen an den Wänden (Murales, d.h. Graffitis). Hier kann man stundenlang einfach nur über die Hügel schlendern und die bunten, witzigen, teils anstößig, teils politisch gestalteten Wände bestaunen. Einige der Hügel sind mit Acensores zu erreichen. Das sind Fahrstühle in Kabinenform, die schräg den Hügel hinauffahren. Heute gibt es nicht mehr so viele davon (zurzeit etwa 6), aber nach und nach werden alte restauriert und wieder für den Personenverkehr freigegeben. Der Grund für die ärmlichen wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt ist der dramatische Abstieg ab den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Mit seinem strategischem Hafen und dem Goldrush an der Westküste der amerikanischen Kontinente war Valparaíso einst eine reiche Stadt. Mit der Öffnung des Panama-Kanals wurde sie als Hafenstadt unbedeutender und verlor so an Wichtigkeit und betuchter Bevölkerung. Der Hafen ist aber auch heute noch eine Bootstour wert und so bin ich einen Nachmittag durch das Becken geschippert, vorbei an Seerobben, Kriegsschiffen, kleinen Yachten, Fischerbooten und einem riesigen Frachtschiff mit der Aufschrift „Hamburg Süd“.
Colorful Valparaíso I
Überhaupt ist der deutsche Einfluss im Land nicht zu übersehen. Im Süden des Landes, so habe ich mir erzählen lassen, ist ein Großteil der Familie deutschstämmig und man kann mancherorts noch mit Menschen in antiquiertem Deutsch parlieren. Man sieht in Chile aber auch Werbung für Bier deutscher Herkunft in deutscher Sprache, so z.B. „Kunzmann. Das gute Bier.“ In Valpo fahren schwarz/rot/gold lackierte Linienbusse der Marke Mercedes-Benz durch die Straßen auf deren Seite der Aufdruck „Volksbus“ steht. Und im ganzen Land wird das spanische „Sí“ größtenteils durch das deutsche „Ja/Ya“ ersetzt und am Telefon begrüßt man sich mit „Halo“ anstatt dem üblichen „Hola“. Und in Santiago gibt es im Ramschladen die neuste Mode und die letzten Schuhkollektionen aus Alemania und New York ab 3€ aufwärts.
Ich habe in Viña del Mar bei Sebastián (Couchsurfing) und Kirsten (seine Mitbewohnerin) in einem Apartment direkt am pazifischen Ozean gewohnt. Kirsten ist Jurastudentin aus Münster und stellt vor meiner Ankunft fest, dass wir gemeinsame Freunde aus Hamm im Facebook haben. Ein lieber Gruß an dieser Stelle an Roman und Patty. Die Welt ist eben doch sehr klein! Viña del Mar steht im totalen Kontrast zu ihrer Schwesterstadt Valparaíso, obwohl nur 15 Minuten mit dem Colectivo (geteiltes Taxi, das solange Leute einsammelt, bis die Karre voll ist) entfernt. Geplant auf dem Reißbrett als moderner Naherholungsort für wohlhabende Bewohner Santiagos und umliegender Gebiete beeindruckt es mit sauberen und schön angelegten Strandabschnitten, Palmenalleen, schicken Hochhausbauten und einer großen Mall nach amerikanischem Vorbild. Auf dem ersten Blick könnte man nicht direkt unterscheiden, ob man sich nun in Florida, Kalifornien oder eben doch in Chile befindet. Mich haben zwei Dinge hier besonders Spaß gemacht: „James Bond – Skyfall“ auf Englisch mit spanischen Untertiteln und die 10km Jogging an der Küstenstraße entlang hinauf nach Concon. Dort habe ich auf einer großen natürlichen Sanddüne Fotos gemacht, die auch in der Sahara entstanden sein könnten. Außerdem, einige haben vielleicht das Video im Facebook gesehen, durfte ich mich im Sandboarding versuchen. Eine Mordsgaudi, das habe ich mit Sicherheit nicht das letzte Mal gemacht.
Erwähnen sollte ich noch das Chorillana bei J. Cruz in Valparaíso, wer hier vorbei kommt darf es nicht verpassen. Fettige Pommes serviert mit Zwiebeln und einem Fleisch das im Geschmack an Gulasch erinnert, dazu scharfe Soße. Das Lokal liegt in einer kleinen Seitenstraße und ist ein Schatz für sich. Die Wände und Regale sind voll mit Kitsch (u.a. Passbilder ehemaliger Gäste), die Tischdecken bemalt mit Sprüchen. Während des Speisens wurden wir nacheinander von zwei Gitarrenmusikern bespaßt, die ihre Schmachtfetzen zum Besten gegeben haben.
Colorful Valparaiso II
Hurtado, Valle Elqui – Hacienda Los Andes
Mitten im Elqui Valley, einem ariden Landstrich in den Andenausläufern etwa 8 Busstunden nördlich von Santiago, beziehen wir gemeinsam eine von Deutschen geführte Hazienda. Marion, bei der ich in Buenos Aires wohnen konnte, hat über einen ehemaligen Kunden den Kontakt hergestellt und so kommen wir in den Genuss einige Tage preisgünstig hier in der Abgeschiedenheit zu verbringen. Es bietet sich ausreichend Gelegenheit für Dayhikes in der bizarren und hügeligen Kakteenlandschaft, durch ein ausgetrocknetes Flussbett und vorbei an stillgelegten Goldminen, kleinen Oasen, die mit Pfefferminz bewachsen sind und einem vollständig erhaltenem Skelett einer Ziege, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Während sich die Mädels mit Reitausflügen die Zeit vertreibe genieße ich die Ruhe im wunderschönen Garten der Anlage, betätige mich körperlich, lerne Spanisch oder Lese ein Buch (momentan: Paulo Coelho – Schutzengel). Es bleibt auch Zeit für einen anstrengenden Mountainbiking Trip ins nächste Bergdorf (8km entfernt), obwohl man die Ansammlung ca. 10 Häuser, eines Platzes, einer Kirche und der Post, die gleichzeitig Kiosk und Friseur ist kaum als Dorf bezeichnen kann. 
Blossoming cactus in the Valle de Elqui
Auch über Astronomie lernen wir eine Menge, eines Abends beobachten wir den Sternenhimmel vom Observatorium der Hacienda und haben durch das Teleskop überwältigende Blicke auf den untergehenden Mars, Nebel in einigen Millionen Lichtjahren Entfernung, die erst bei Betrachtung im Teleskop auszumachen sind sowie einige Sternebilder die wegen der Erdneigung lediglich aus der südlichen Hemisphäre zu beobachten sind. Den großen oder kleinen Wagen gibt es hier zum Beispiel gar nicht, ebenso wenig den Polarstern, dafür benutzt man hier das Kreuz des Südens (Cruz del Sur) zur Orientierung. 320 wolkenlose Tage im Jahr und die absolute Dunkelheit hier in den Anden durch das Fehlen jeglicher urbaner Siedlungen im Umkreis dutzender Kilometer erlauben es mit bloßem Auge (!!!) die äußere Sichel der Milchstraße zu beobachten. Auch was ich anfangs für leichte Quellwolken am Himmel halte stellt sich nach Aufklärung durch Tanja, die auf der Hacienda arbeitet und super Kenntnisse über den Sternenhimmel und die Einstellungen des vollautomatischen und computergesteuerten Teleskops hat, als die magellanschen Wolken heraus. Das sind (Begleit-)Galaxien, die alle paar Milliarden Jahre die Milchstraße umkreisen und ebenfalls nur von der südlichen Halbkugel zu sehen sind. Wir beobachten anschließend noch Sternenhaufen (es gibt deren zwei: offene und Kugelsternhaufen) und weitere Objekte. Ich bin vollkommen sprachlos nach dieser nächtlichen Lehrstunde in Astronomie. Absolut beeindruckend!
Me and the telescope
Nicht unerwähnt bleiben soll das Nationalgetränk Chiles: Pisco. Ein Likör aus Beeren, die hier im Elqui-Tal angebaut und destilliert werden. Gerne haben wir mit der deutschen Belegschaft der Hacienda des Abends mit dem ein oder anderen Pisco Sour (mit Limetten und Traubenzucker, manchmal auch mit Eiklar) angestoßen.
Horses
La Serena
La Serena war als eintägiger Zwischenstopp auf dem Weg in den äußersten Norden des Landes geplant und eigentlich gäbe es auch nichts Spektakuläres über diese kleine Stadt an der Pazifikküste zu berichten. Doch das Schicksal hielt anderes für mich bereit ;-)
Auf dem Weg durch das Städtchen treffen wir an einer kleinen Kreuzung auf eine Studentendemo. Die Polizei regelt hier den Verkehr und interessiert lese ich die Forderungen der Demonstranten auf Banderolen nach geringeren Studiengebühren, weniger Verschuldung aus dem Studium, niedrigeren Zinsen auf Bildungskredite und den Abgesang auf den Kapitalismus. Bis auf letzteren Aspekt für mich durchaus vertretbare Standpunkte. Dann nimmt das Drama seinen Lauf. Während einige Vermummte noch Parolen brüllen sehe ich im Hintergrund bereits Flammen. Ein Einkaufswagen mit einer Aufschrift „educación pública“, die öffentliche Bildung, steht in Flammen, drei Autoreifen liegen daneben. Tolles Motiv denke nicht nur ich und sehe wie einige Leute ihre Kameras zücken. Just als ich den Auslöser drücke fliegt der erste Molotowcocktail in den Wagen eine Stichflamme 1m neben mir lässt mich zurückspringen, die Reifen fangen Feuer tiefschwarzer bestialisch stinkender Rauch steigt auf und nimmt der – inzwischen etwas desorientiert und hilflos wirkenden – Polizei, die sich nun auf der Kreuzung postiert, die Sicht. In diesem Moment fliegen dann auch die ersten faustgroßen Steine Richtung Kreuzung und ich stehe blöderweise direkt neben den Demonstranten, die nun alle vermummt sind und brüllen und sich eine Straßenschlacht liefern. Wohlgemerkt, die Jungs und Mädels hier sind Studenten, 18-23 Jahre etwa. Ich bekomme etwas Panik und frage mich, ob es schlau ist zur Kreuzung zu flüchten. Nach dem ersten vorsichtigen Schritt ins Ungewisse nimmt mir eines der Randalo-Kids die Entscheidung ab und fragt mich, ob ich blöd sei in den Steinehagel rennen zu wollen. Mittlerweile landen die Steine auf Autos und in den Fensterscheiben der gegenüberliegenden Bankgebäude und einer Apotheke. Während ein weiterer Molotov hochgeht renne ich ein Stück zurück mit den Demonstranten und direkt neben mir schlägt eine Farbbombe an die Wand Ich fühle Glassplitter gegen meinen Rücken prallen und etwas das sich wie warmer Regen anfühlt. Eine Hand packt mich und zerrt mich in einen Hauseingang und ich finde mich in einem Friseursalon wieder, dessen Besitzer direkt hinter mir die Tür verrammelt und von innen die Ladengitter herunterlässt. Der warme Regen war schwarze Farbe, die komplett von Kopf bis Wade über mich niedergegangen ist. Ich sehe aus wie die Protagonisten in 101 Dalmatiner und die süße chilenische Friseurin lacht mich an (oder aus?) und hilft mir Arme und Nacken zu waschen. Nachdem es sich draußen beruhigt hat kehre ich zu den Mädels zurück, die in der Apotheke verschanzt waren durch die auch Steine gefeuert wurden. Man sieht nun Blaulicht, hört Sirenen und die Feuerwehr rückt mit mehreren Wagen an. Auf den Schock essen wir anschließend in einem zugegebenermaßen fantastischen Fisch-Restaurant Seezunge und fragen uns was uns wohl noch alles auf diesem Trip erwartet. Den Pullover jedenfalls behalte ich als Andenken.
View from the hostel's toilet window into the backyards, La Serena
San Pedro de Atacama
Dieser Ort im Norden Chiles liegt in der trockensten Region der Welt (Atacamawüste – 15 Millionen Jahre alt, 1/50 des Jahresniederschlags des Death Valleys in den USA, es gibt Wetterstationen , die in ihrer Geschichte noch nicht einen Tropfen Niederschlag verzeichnet haben, die Temperaturunterschiede zwischen Tag (30°C) und Nacht (-15°C) können extrem sein) und darf getrost als Backpacker Paradise bezeichnet werden. Es gibt in unmittelbarer Nähe zahllose Naturwunder und in den nicht asphaltierten Straßen San Pedros finden sich eine Myriade Reiseagenturen, die ihre Dienste dem geneigten Touristen anbieten. Die Stadt selbst ist mit knapp 3000 Einwohnern recht überschaubar, die Lehmhütten haben nicht mehr als ein Stockwerk und man könnte den Ort auch getrost als „San Perro“ (span. perro = Hund) bezeichnen wegen der schier endlosen Anzahl an Hunden, die durch die Straßen, aber auch durch die Hostels und Geschäfte streunen. Von hier bietet es sich an eine Tour nach Uyuni in Bolivien zu buchen, die in drei Tagen und zwei Nächten über den Altiplano, die Hochlagen des Nachbarlandes führt. Hier gibt es ähnlich spektakuläre Naturhighlights wie in der Umgebung San Pedros zu bestaunen, nur dass sie nach Aussage vieler Reisender, Einheimischer, des Internets und meines Reiseführers in Bolivien noch größer & bunter daherkommen und zudem nur ein Bruchteil der Kosten im teuren Chile bedeuten. Unser ursprünglicher Plan lediglich eine Nacht von Sonntag auf Montag in der Wüstenoase zu verbringen wird allerdings komplett zunichte gemacht wegen widriger Bedingungen für die Bolivien-Tour: Streiks und Blockaden in der Laguna Verde (die Bolivianer fordern höhere Einnahmen aus den Touri-Trips, die hier stattfinden) verhindern zunächst den normalen Tourverlauf und die Einreise nach Bolivien auf diesem Weg. Nach Abklappern mehrerer Agenturen und Stunden Recherche im Internet stellt sich heraus, dass auch Dienstag und Mittwoche keine Touren stattfinden können wegen einer Volkszählung in Bolivien und der damit verbundenen Grenzschließung. Wir reservieren schließlich mit einem günstigen und vielversprechenden Anbieter für Donnerstag (die 3-Tagestour kostet mit Übernachtungen, Vollverpflegung und Transport im Jeep etwa 120€ inkl. aller Nationalparkeintritte). Nun bleiben 3 volle Tage um in San Pedro zu relaxen und die Umgebung zu erkunden. Ein kurzer Abriss meiner Aktivitäten:
  • Valle de la Muerte: Skurille Felsformationen, geniale Aussichten auf aktive Vulkane und das nahe Hochplateau, eine 150m hohe Sanddüne, ein Snowboard …. eine Menge Spaß!
  • Valle de la Luna: Mondlandschaften inmitten der Wüste.
  • Laguna Cejar: Mit dem Rad fahre ich mittags im Mordstempo durch die völlig einsame Wüste zur 20km entfernten Salzwasser-Lagune. Zwischendurch platzt mir der Schlauch des Hinterrads auf der Schotterpiste mit Schlaglöchern. Ich brauche etwa 30 Minuten in brüllender Hitze und absolutem nichts, um den Schaden mit dem Notfallkit zu beheben. In dieser Zeit passiert nicht ein einziges Auto oder Rad die Strecke. Einmal angekommen bin ich bis auf anfangs zwei weiterer Touristinnen komplett alleine, da die Touri-Vans erst am Nachmittag anrollen, wenn es kühler wird und die Lagune wärmer ist. Ich gehe schwimmen und treibe auf der Oberfläche der Lagune. Der Salzgehalt ist so hoch, dass es unmöglich ist unterzutauchen und ohne eigenes Dazutun schwebt man an der Wasseroberfläche. Anschließend bin ich komplett weiß von dem Salz, das auf meiner Haut trocknet.
  • Champions-League: Bayern wird zu meinem Unmut zugunsten der chilenischen Playoffs unterbrochen. Wer will bitte ernsthaft Colo Colo vs. Audax Italiano schauen? Dem Torjubel nach zu urteilen scheinbar alle :/ Dortmund läuft dafür heute im Wechsel mit Real und ich bin happy, dass die deutschen Vereine alle ihre Gruppe anführen. War doch schließlich so zu erwarten, oder?!
  • Ich werde beim Geld abholen in der Bank angesprochen: „Hallo, bist du Maik Hesse aus Hamm?“, ich drehe mich um und erblicke Stefan Seegelken, mit dem ich früher gemeinsam aufs Stein-Gymnasium gegangen bin und Musik in der Big-Band gemacht habe. Habe ich weiter oben schon erwähnt, dass die Welt verdammt klein ist?
  • Bier mit frisch gepresstem Zitronensaft, Salzrand und Chili-Gewürz. Gewöhnungsbedürftig.
Sandboarding 150m high dunes
Sunset in San Pedro de Atacama
Laguna Cejar

Morgen in aller Frühe geht es dann also nach endloser Warterei Richtung Bolivien und es stehen Vulkane, Lagunen, der größte Salzsee der Welt, Geysire und noch vieles mehr auf dem Programm. I'll keep you posted!

Monday, November 5, 2012

Argentinien (Part II)

Dies ist der zweite Teil zu Argentinien. Den ersten findet ihr weiter unten. Ein Album mit Fotos gibt es bereits auf facebook. Ich hoffe ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen wie ich beim Verfassen. Schöne Grüße aus Santiago de Chile!


Córdoba
In Córdoba hatte ich eine gute Zeit während meines dreitägigen Aufenthalts dort. Ich durfte bei Daiana und ihrer Schwester Denisse wohnen. Dai ist die Freundin von Scott, meinem ehemaligen Mitbewohner während meines Auslandsstudiums in LA. Nachdem der erste Abend recht unspektakulär mit Pizza und örtlichem Bier endet, starte ich am folgenden Tag die Erkundungstour. In Córdoba gibt es viele Gebäude aus der Kolonialzeit und im Microcenter der Stadt sind diese alle gut fußläufig zu erreichen. Als Stadt mit einer der größten Universitäten des Landes und vielen weiteren akademischen Institutionen, nennt man Córdoba auch „La Docta“ -  „die Gelehrte, die Doktorierte“. Dai, die kurz vor dem Abschluss ihres Architekturstudiums steht, war der perfekte Tourguide. Sie konnte mir viel über architektonische Besonderheiten erzählen, wusste wann und in welchem Stil die Gebäude errichtet wurden und hat dabei noch einiges über die Geschichte der Stadt eingestreut. Das ganze übrigens durchgehend auf Spanisch, sodass ich viel üben konnte, auch wenn ich manchmal dann doch etwas „lost“ war und kurzzeitig zu Englisch wechseln musste.
Einen Tag haben wir in Alta Gracia verbracht, etwa 45 Minuten außerhalb Córdobas, einem kleinen Sommerferienort vieler reicher Porteños (Einwohner von Buenos Aires). Dort gab es ein Museum, das sich dem Leben und Wirken Ernesto „Che“ Guevaras gewidmet hat. Hier hat der Kommandante einen Teil seiner Kindheit verbracht und ich nutze die Gelegenheit mehr über seine Reisen und seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit in Lateinamerika zu erfahren.
Am Tag meiner Abreise war ich dann noch im schönen Stadtpark Sarmiento joggen und habe Rocky-gleich die enormen Treppen (ca. 100) des Anstiegs zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Park 5x in Rekordtempo bezwungen. Zur Belohnung gab es abends in einem guten Restaurant ein 500g Steak (Typ „Vacio“, aus der Flanke – ca. 10€), das mit Abstand zu den Besten seit Beginn dieser Reise zählt. Das waren im Übrigen schon einige, wenn ich schätzen müsste, ein gutes Dutzend Rindermuskel habe ich in den ersten 4 Wochen bereits verspeist.

Iglesia Catedral - Córdoba
Rodeo:
In Rosario habe ich einen Tipp für ein gutes Hostel in der Gegend von San Juan, einem bekannten Weingebiet im Westen Argentiniens, erhalten. Ich buche im Voraus für 3 Tage und stelle erst am Abend meiner Abreise fest, dass ich nach der 8-stündigen Nachtfahrt in San Juan einen weiteren Bus nehmen muss, der mich in ca. 4 Stunden nach Rodeo an die Cuesta del Viento („Windküste“) bringt. Nach der Ankunft in San Juan treffe ich dort Leyanne aus England, die ich bereits aus Montevideo kenne. Sie hat kürzlich bei den Olympischen Spielen als leitende Eventmanagerin den Bau der BMX-Parcours betreut und anschließend die Wettbewerbe organisiert. Wir verbringen die Mittagszeit in San Juan. Viel gibt es hier nicht zu sehen. Die Stadt wurde 1944 von einem Erdbeben der Stärke 8,5 heimgesucht und das größte Highlight ist der Simulator (ein wackelnder Raum mit einem nachgestellten Video), der einem das Gefühl gibt man sei live dabei als die Stadt in Schutt und Asche gelegt wird. Ich bin froh, dass es am Nachmittag noch einmal weiter geht. Was nun folgt ist eine spektakuläre Busfahrt in die Anden! Über eine Bergstraße arbeitet sich der Bus schleppend in höhere Gefilde vor. Zu meine rechten, etwa einen Meter neben dem Fenster, geht es gute 200-300m abwärts ins Tal. Ich habe vollstes Vertrauen in den Busfahrer. Was anderes bleibt mir auch gar nicht übrig. Wir erreichen das Hostel am frühen Abend und haben eine gute Sicht auf den wunderschönen See. Wegen seiner Lage in den Anden und den ihn umgebenden Höhenzügen bietet er optimale Bedingungen für Wind- und Kite Surfing – mit einer steifen Brise von Mittag bis zum Sonnenuntergang.
Nach einem morgendlichen Hike am nahegelegenen See (um 6.30 Uhr klingelt der Wecker) verbringe ich den Rest des Tages äußerst entspannt, hauptsächlich mit Spanischlernen, Joggen in der atemberaubenden Landschaft und mit der Planung der nächsten Tage. Abends werde ich von einer Gruppe urlaubender argentinischer Herren zu einem Asado eingeladen. Dabei darf ich eine Menge über Rotwein, Weißwein und Champagner sowie die Rivalität zwischen Mendoza und San Juan, den beiden bekanntesten Anbaugebieten des Landes, erfahren. Inklusive kostenfreier Proben oben genannter Getränke. Die Gruppe älterer Herren (ein Professor, ein Pilot von Emirates Airlines etc.) betrinkt sich dabei so sehr, dass einer von ihnen, ein besonders rundlicher, zwischenzeitlich einfach vom Stuhl kippt während er einen Witz erzählt J
Den nächsten Tag verbringe ich komplett mit Mountainbiking. Ich leihe mir dafür das Fahrrad des Hostelbesitzers Manuel (war jahrelang bei einer Versicherungsgesellschaft, ist vor zehn Jahren zum Hippie konvertiert und nun einer der Obergurus des Dorfes). Über Stock und Stein, Berg und Tal komme ich bei 30°C auf den unasphaltierten Wegen (sofern es überhaupt welche gab) durch bizarre Landschaften, arbeite mich Richtung Seeufer vor und beobachte dort die Surfer. Ich überlege einen Einsteigerkurs Kitesurfing für den Nachmittag zu buchen, der Preis von 500 Pesos (~83€) für das 2-stündige Vergnügen hält mich allerdings davon ab. Auf dem Rückweg gelange ich an einen Felsvorsprung auf dem es offensichtlich oben ca. 5m höher auf einer Ebene weitergeht. Ich bin hier völlig allein, weit und breit kein Mensch zu sehen. Also umdrehen und außen herum fahren? Forget it! Ich stemme das Bike auf den nächsten Felsvorsprung, klettere selbst ein paar Meter, reiche herunter und hieve das Fahrrad anschließend wieder hinter mir her. Schweißtreibend, gefährlich und einfach nur mega geil! Dasselbe versuche ich anschließend an einem schmalen Fluss, ca 20m breit. In der Annahme, dass er schon nicht so tief Wasser trägt stehe ich nach drei Schritten bis zur Hüfte in selbigem, das Fahrrad in meinen Händen über dem Kopf. Ok, MacGyver, an dieser Stelle bist du lieber vernünftig und drehst wieder um… diesen Nachmittag fahre ich noch ins 4km entfernte Pueblo und stelle fest, dass hier am Sonntag etwa 7 Menschen auf den Straßen unterwegs sind.
Der letzte Bus am Montag verlässt den Ort um 13 Uhr und da ich noch einige Tage in Mendoza verbringen will bevor es nach Chile geht mache ich mich nach einer morgendlichen Runde Jogging, Hiking, Wildpferde aufscheuchen und Boxsack verprügeln auf den Weg.

Cuesta del Viento, Rodeo
Mendoza:
Mendoza ist hauptsächlich bekannt für seine herausragenden Weine und so dreht sich mein Abstecher hierhin auch zu einem beträchtlichen Teil um dieses Thema. Im Hostel treffe ich eine Gruppe Reisender aus Australien und Amerika und entschließe mich kurzfristig beim Frühstück am nächsten Morgen die „Weintour“ mit Ihnen zu buchen. Wir werden um 10 Uhr am Hostel abgeholt und mit Taxis nach Maipú, einem Vorort von Mendoza, gebracht. („Welcome to Maipú“ – das hat die englischsprachige Gruppe durchaus amüsiert). Angekommen an der ersten Bodega begrüßt man uns mit einer Auswahl dreier verschiedener Weine (Malbec, Merlot, Chardonnay). Es ist 10.30 Uhr. Man erklärt uns Grundsätzliches zu Geruch, Farbe, Alkoholgehalt etc. Anschließend werden wir mit Fahrrädern ausgestattet und machen uns fortan auf den Weg, um zwei weitere Bodegas zu besichtigen. Wir dürfen dabei außerdem die Produktionsstätten besuchen. Ein ganz besonderes Highlight. So bestaunen wir überdimensionale Weinfässer in denen Lagerung und Reifeprozess stattfinden und dürfen sogar in Weinfässer klettern die nicht mehr genutzt werden. Dazu muss man sich durch einen winzigen Einlass zwängen. Für die Mädels ein leichtes Spiel, für den Rest eine Herausforderung! Unser Guide Edgardo organisiert uns diese Zusatzaktivitäten, die normalerweise nicht Bestandteil der Tour sind, aber unser Nachfragen („können wir auf die Weinfässer klettern?“, „dürfen wir auch HINEIN?“) und sein Verhandlungsgeschick mit den Angestellten der Bodegas sichern uns diesen Spaß. Die größten Holzfässer fassen bis zu 37.500 Liter, eines der Steinfässer, in dem wir herumtollen gar 147.000l, das größte der hier genutzten Fässer enthält unglaubliche 1,5 Mio. Liter. Am Fließband sehen wir wie die Flaschen gefüllt, etikettiert und in Kisten sowie Paletten verpackt werden. Ein vollautomatischer Prozess – das Exportvolumen dieser Bodegas ist immens. Zum Lunch bekommen wir die landesüblichen Empanadas (Teigtaschen mit wahlweise Fleisch oder Gemüsefüllung, in diesem Fall „Carne dulce“). Heruntergespült wird das Mittagessen – wie könnte es anders sein – mit Wein. Die nachmittägliche Fahrt hinaus in die 6km entfernten Weinfelder gestaltet sich daher abenteuerlich bringt aber auch eine Menge Spaß mit sich. Es bietet sich  eine tolle Sicht auf die Berge und die Anbaugebiete und nach der obligatorischen Begrüßung mit Champagner bekommen wir eine weitere Tour, diesmal durch ein Kellergewölbe, in dem wir mehr über die Geschichte dieser mehr als 100 Jahre alten Bodega erfahren. Zum Abschluss nutzen wir noch die Gelegenheit eine Olivenfabrik zu besichtigen, dort probieren wir verschiedene Sorten Oliven und Öl und erhalten außerdem eine Tour durch die Fabrikationshallen, wo man uns die traditionelle sowie moderne Herstellungsweise von Olivenöl erklärt. Geschafft und beschwipst kommen wir am frühen Abend wieder im Hostel an. Zum Glück ist heute Halloween und die Nacht wird (nach einem 3-stündigem Power-Nap) in ebenjener Tradition auf der trendigen Aristides Villanueva fortgesetzt.
An den Folgetagen erkunde ich Mendoza und nutze das schöne Wetter, um Parks, Straßenzüge, Museen und Plazas zu besichtigen.


Wine tasting bike tour in Maipú
Uspallata:
Eine spontane Entscheidung führt einige von uns über das Wochenende in die Anden. Das 3000-Einwohner Dorf Uspallata, gelegen an der Alta Montaña Route nach Chile, dient dabei als Basiscamp und Ausgangspunkt der Erkundungstouren. So starten wir am Freitag eine Radtour in die Berge und finden uns nach einer 1-stündigen Fahrt und einem kurzen Hike auf einem heiligen Hügel der Incas. Hier kann man Gravuren in den Steinen entdecken, die Menschen in der präkolumbischen Zeit darstellen, vermutlich entstanden zwischen den Jahren 700 und 1000. Man hat außerdem eine beeindruckende Aussicht auf die umliegenden Täler. Wir erfahren, dass wegen der Ähnlichkeit zu den Landschaften des Himalayas hier der Film „Sieben Jahre in Tibet“ gedreht wurde.

Inca carvings in Uspallata
Nachmittags schnappe ich mir alleine das Bike und jage bei 30°C und steilem Gegenwind den stetig leicht bergauf führenden Weg nach Siete Colores („Sieben Farben“) hinauf. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf diesen knappen 9km liegt bei 8-10km/h die Stunde, aber ich schlage mich tapfer. Nach einer knappen Stunde Quälerei entdecke ich das Farbenspiel – eine Felsenwüste mit grünen, weißen, roten, gelben und gar bläulichen Farbtönen bietet sich meinem Blick. Ich bin alleine hier draußen, stelle das Fahrrad ab und klettere einen der steilen Hügel hinauf, um ein paar Fotos zu schießen. Auf dem Rückweg unterschätze ich wie steil es hinauf war und rutsche mehrmals einige Meter über bunten Schotter hinab. Mit einigen blutigen Macken (Knie und Hände vs. Stein) komme ich unten an und bin guter Dinge. Auf dem Weg ins Dorf habe ich Rückenwind, es geht bergab, ich bin in 13 Minuten zurück an meinem Ausgangspunkt. Maximale Geschwindigkeit auf der unasphaltierten Piste: 46,9 km/h J
Am nächsten Tag das Highlight des Wochenendes: Eine knapp einstündige Busfahrt bringt uns in die Nähe der chilenischen Grenze zur Puente del Inca, einer natürlich geformten, seltsam orangefarbenen Brücke auf ca. 2700m. Nebendran wurde bis zu seiner Schließung in den 40er Jahren ein Thermalbad und Spa an den heißen Quellen betrieben, von dem heute nur noch die Ruinen übrig sind. Entlang der Gleise der stillgelegten Eisennbahnstrecke geht es weiter in den Provinzialpark Aconcagua. Wir hiken auf etwa 3.500m und haben eine unfassbare Sicht auf den höchsten Berg der amerikanischen Kontinente, den höchsten der westlichen und südlichen Hemisphäre, den höchsten der Welt außerhalb des Himalayas in Asien. 6.959 stolze Meter ragt der Cerro Aconcagua (die indigene Bezeichnung lässt sich als „Stone Guardian / Steinwächter“ übersetzen) vor unseren Augen in den Himmel. Etwa 10km Luftlinie von uns entfernt ist es mir unvorstellbar, dass er noch weitere 3,5km Höhe hat. Der Gipfel sieht von hier greifbar nah aus, als könne man in wenigen Stunden hochwandern, aber die Perspektive täuscht. Die kürzesten Touristen-Touren (ab Mitte November angeboten, sobald der Sommer Einzug hält) dauern 13 Tage inklusive Akklimatisation. Eine Besteigung ohne professionellen Guide wird nur den extrem erfahrenen Bergsteigern empfohlen (Reinhold Messner war auch schon da).
Am heutigen Morgen erfolgt nun die Abfahrt nach Chile über den spektakulären Andenpass. Aber mehr dazu in 2-3 Wochen, wenn ich (so die Planung) im Norden des Landes Richtung Bolivien aufbreche.

Alta Montaña

Argentinien (Part I) / Uruguay


Argentinien:
Buenos Aires I:
Die 18-stündige Busfahrt steckt mir am Mittwochmorgen noch in den Knochen als ich gegen 11 Uhr in Buenos Aires ankomme. Mein Sitz war blöderweise direkt neben/unter der Klimaanlage, die die ganze Nacht auf Turbo durchgeballert hat. Für ein bisschen Schlaf hat es dann aber doch gereicht. Voll beladen erreiche ich nach kurzer Fahrt mit der U-Bahn den Stadtteil Palermo, angeblich das hipste Barrio hier. Es heißt dann Reunion mit Ian, Marion und Lisa, die ich allesamt bereits aus Rio kenne und mit Ian bin ich auch bereits in Brasielien gereist. Perfektes Timing – man serviert gerade Frühstück. Dazu klettern wir aufs Dach des 10-stöckigen Wohnhauses, sodass man einen coolen Blick auf die Stadt hat. Dort oben habe ich mich dann auch später noch das ein oder andere Mal von Ian durch ein „Zirkeltraining“ in der Sonne jagen lassen. Er hält sich mit Joggen und anderen Leibesübungen fit – ich schließe mich da gerne an. Wir sind dann auch gleich nachmittags nach Recoleta gejoggt und haben in einem Park ne Runde trainiert. Häufig gibt es hier Trimm-dich-Pfade oder Reckstangen und andere Geräte in Parks und Grünanlagen. Das scheint typisch für Südamerika (zumindest in Brasilien, Uruguay und Argentinien habe ich es oft gesehen).
Nachdem Ian abends seine Künste als Barkeeper und Caipirinha-Mixer unter Beweis stellt geht es am nächsten Tag auf eine relaxte Erkundungstour durch Palermo Soho – ein Bohème-Viertel mit der coolen Plaza Serrano, wo es viele Bars, Restaurants und einen kleinen Handwerker-Markt mit Lederwaren, Kleidung etc. Hier und da erinnert mich der Baustil ein wenig an Vila Madelena in Sao Paulo, dann wiederum muss man allerdings feststellen, dass Buenos Aires insgesamt viel europäischer als andere Städte in Südamerika ist – einige Ecken und Straßen könnte man so auch in Paris oder Barcelona sehen. Der Einfluss der spanischen und italienischen Vorfahren der Argentinier ist omnipräsent. In der Küche, der Kultur, der Mentalität. An diesem Abend dann ein besonderes Schmankerl: Wir gehen ins Araóz bzw. Lost, ein Club in Palermo. Als wir um 1 Uhr dort aufkreuzen läuft gerade ein S-K-A-T-E Competition auf (!!!) der späteren Tanzfläche. Zuerst Practice und später 1-on-1. Wer es nicht kennt: ein Fahrer macht einen Flip o.ä. vor und wenn er ihn catcht muss der andere ihn nachmachen und bekommt ansonsten einen Punkt bzw. ein S,K,A,T,E. Anyways, gute Unterhaltung und nach Ende des Contests gehen die BBoys und Breaker steil. Ich bin beeindruckt von den guten Moves die man hier sieht, aber noch viel mehr von Ian, der hält was er verspricht (zur Erinnerung: Tänzer als Voract der Black Eyed Peas) und wünschte ich hätte eine Kamera oder iPhone dabei. Darrn!

Congreso de la Nación Argentina
Uruguay:
Colonia del Sacramento
Am Samstagmorgen brechen wir gemeinsam und zugegebenermaßen relativ spontan nach Uruguay auf. Buenos Aires liegt am Delta des Río de la Plata (Silberfluss), der sich hier zum Atlantik hin öffnet und zum Mar del Plata wird. Etwa 50km Luftlinie von BA, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses liegt Colonia del Sacramento in Uruguay. Wir nehmen den Katamaran von Colonia Express, der die Strecke in einer Stunde zurücklegt – die Fahrt kostet etwa 30€. Dafür gibt es an Bord die ganze Zeit das Best-of-Album von Britney Spears auf die Ohren, inklusive Videos. Juhu! Angekommen, stellen wir fest: Colonia ist eine ganz feine Stadt. Total relaxt, einer der sichersten Orte des Kontinents, wunderbare 25 Grad an diesem Tag und eine Altstadt, die durch ihren kolonialen Baustil fasziniert. Mit Kopfsteinpflaster-Gässchen, einigen Gebäuden aus dem 17. und 18. Jhd. und einer Hauptstraße, auf der sich gute Restaurants aneinanderreihen und die Autofahrer für kreuzende Fußgänger anhalten. Nach 3 Stunden inkl. Leuchtturmbesteigung hat man alles einmal weitestgehend abgelaufen, die historische Altstadt ist nicht wirklich groß, aber dafür von allen Seiten vom Meer/Flussdelta umgeben, sodass wir uns einen tollen Sonnenuntergang vom Ufer auf der Plaza Mayor anschauen können. Abends (es ist Samstag) sind wir dann auf eine Stippvisite in den einzigen Club der Stadt, das „Tres Cuarto“. Wir stellen insgesamt fest: Die Preise in dieser leicht touristisch geprägten Stadt sind teurer als andernorts, trotzdem kommt man noch etwas billiger weg als in Deutschland. Hier kostet 1L Bier z.B. ~5€, der Longdrink allerdings auch und der Tequila-Shot etwa 1€. Ich übe an diesem Abend dann noch ein wenig Spanisch.
Nach einem erholsamen 3-stündigen Schlaf leihen Ian und ich uns Fahrräder im Hostel. Die gab es umsonst beim Abschluss einer Jahresmitgliedschaft im uruguayischen Jugendherbergsverband für ca. 15€. Die Mitgliedschaft wollte ich mir ohnehin noch zulegen, so spare ich fortan in allen „affiliated hostels“ weltweit 1-2€ pro Nacht. Wir cruisen also bei strahlendem Sonnenschein los und erkunden die Umgebung. Etwa 6km außerhalb gelangen wir über eine langgezogene Hauptstraße direkt an der Küste zum alten Bullring. Der ist zwischenzeitlich geschlossen und es finden keine Kämpfe mehr statt, da die Anlage längst baufällig geworden ist. Das Areal ist mit einem „Moschendroohtzäun“ gesichert, wir finden ein Loch und steigen ein, immer mit der Angst von einer Polizeikugel niedergestreckt zu werden. Es geht aber alles gut und wir finden uns in der Arena wieder und flaxen rum. Später schauen wir uns noch ein Eisenbahnmuseum an und gehen dann an den Strand. Ian dreht durch und will joggen gehen. Ok, Schuhe bei den Fahrrädern deponiert und dann barfuß 20 Min. den Strand auf und ab, vorbei an einer Lagune und grillenden einheimischen Wochenendausflüglern, die uns etwas ungläubig hinterherschauen. Auf dem Rückweg halten wir dann nochmal an einem Fitnesspfad und machen uns richtig alle. Genau das, was man nach einer durchzechten Nacht so braucht. Wir fühlen uns danach aber langsam wieder wie Menschen. Als wir am frühen Abend zurück in die Altstadt fahren, ist die Hauptstraße Richtung Zentrum (die um 14 Uhr noch menschenleer war) an diesem Sonntag gesäumt mit Familien, Teens, Liebenden usw. Überall chillen die Leute am Straßenrand und auf dem Grüngürtel zum Strand hin und grillen, trinken, hören Latin-Beats aus den Stereoanlagen ihrer Autos, rauchen Zauberkraut und genießen einfach diesen entspannten milden Abend am Vortag des Feiertags zur Entdeckung Amerikas (Columbus Day in den USA, hier Día Descubrimiento de América). Auf 3-4km Länge, ein identisches Bild. Wir entspannen abends auf dem Hostel und quatschen mit Mike aus Dänemark, der reist und dabei ein Kochbuch schreibt, über europäische Integrationspolitik.

Beachfront Colonia - Fish vs. foot

Montevideo:

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Auto weiter nach Montevideo, der Hauptstadt des Landes. Etwa 2,5 Stunden sind wir insgesamt unterwegs und haben so Gelegenheit uns am Nachmittag bei gutem Wetter das Stadtzentrum und die Altstadt anzuschauen. Einige gute Fotos entstehen hier, allerdings ist die Stadt jetzt nicht der Brüller. Sie ist groß, teuer und bei weitem nicht so spektakulär wie Buenos Aires. Erwähnenswert ist mit Sicherheit der „Mercado del Puerto, ähnlich wie in Sao Paulo, wo es Fruchtstände gibt, wird hier an jedem Stand Fleisch verschiedenster Arten auf großen Grills zubereitet und verkauft. Dazu wird Medio y Medio empfohlen, eine Mischung aus halb Sekt und halb Wein. Wirklich? Na gut. Der Guide empfiehlt es ja schließlich. Wie können wir uns dem verwehren? Man sagt uns später Montevideo sei eine crazy Partystadt, aber wegen des Feiertags sind nur Bars geöffnet. Wir entscheiden uns im Hostel zu bleiben und sind ganz froh, dass hier nicht so der riesen Drive aufkommt auszugehen und genießen stattdessen den Tratsch mit anderen Reisenden und ich übe mal wieder Spanisch mit dem Barkeeper, der mir auch noch ein paar gute Reisetipps gibt. Das Hostel „Ukelele ist noch einen Satz wert. Ein altes, renoviertes Kolonialhaus mit rustikaler Inneneinrichtung, Terrasse, Pool, Wohnzimmer mit Couch, Bücher- und Fernsehraum etc. Das hat uns sehr gefallen. Am kommenden Morgen besuchen wir das MAPI (=Museo de Arte Precolombino e Indígena), ein Museum über die indigenen Kulturen Süd- und Zentralamerikas vor der Entdeckung durch die Europäer, und treten anschließend erneut über Colonia den Heimweg an.

Main Square - Montevideo

Buenos Aires II:
Wieder angekommen in Buenos Aires gehen wir auf Erkundungstour durch die Stadtviertel. So sehe ich zum Beispiel in San Telmo interessante Architektur, insbesondere einige schöne Sakralbauten gibt es hier. Auf einem kleinen Platz sitzen die Leute draußen bei Kaffee und/oder Cerveza während in der Platzmitte ein Pärchen zur Hintergrundmusik Tango tanzt. Auch nach La Boca zieht es mich einen Nachmittag. Dies ist einer der ärmsten Stadtteile Buenos Aires und ich habe hier bereits vielerorts üble Geschichten aufgeschnappt. Die Stadt erlebt dieser Tage eine bisher ungesehene Kriminalitätswelle. So hörte ich von Touristen, die bei einem Überfall im Café angeschossen wurden. Ständig werden Rucksäcke o.ä. geklaut, wenn man einen Moment unaufmerksam ist. Halbwüchsige belästigen Touris aber ebenso Locals mit Messern und wollen an die Knete. Zwei Mädels aus Deutschland wurden am helllichten Tag von ihren ausgeliehenen Fahrrädern gezerrt und sowohl dieser als auch weiterer Wertgegenstände entledigt – die Täter verwendeten Handfeuerpistolen, um ihrer Absicht ein wenig Nachdruck zu verleihen. Letzteres passierte im Übrigen in La Boca und so steige ich mit einem etwas mulmigen Gefühl aus dem Taxi, das uns hier absetzt. Was wir sehen ist aber völlig harmlos. In den 3-4 Straßenblöcken, die als beliebtes Touristenziel gelten, gibt es bunte Häuser allerlei Art. Das ist eigentlich auch schon die Hauptattraktion. Das Stadion der Boca Juniors ist dann noch ganz nett anzuschauen. Hier hat Diego Armando Maradona gekickt. Dieser Verein hat eine große Tradition und ist der Stolz der Leute. Deswegen gibt es auch einen Fake-Diego mit dem man Fotos machen kann. Ganz großes Tennis! Am Abend verabschieden wir uns mit einer weiteren Runde im Club, den wir auch in der Vorwoche besucht haben. Dieses Mal gibt es im Vorfeld der Party die Premiere des neuen Skate-Videos mit Riley Hawk, Sohn des legendären Tony. Die Leute drehen dabei vollkommen durch.
Außerdem habe ich in dieser Woche das Vergnügen Spanischstunden in der Schule "Bueno, Dale" von Sandra Gonet zu nehmen. Zwar nur zwei Nachmittage, aber es reicht, um einige grammatikalische Kenntnisse aufzufrischen (Indefinido/Imperfecto und Subjuntivo) und ein bisschen mit Sandra zu parlieren, die einfach nur reizend ist („Porque decís ‚Achso‘? ‚Achso‘ es un bitch. Hable español!“). Ich habe mich auf ihren Rat hin auch entschieden vorerst keine weiteren Klassen zu nehmen und an dessen statt einfach sprechend zu lernen mit Unterstützung von Vokabel- und Verblisten sowie einem kompakten und sexy 30-stündigem Spanischprogramm, dass ich mir zugelegt habe („Bueno, entonces“).

Tango in La Boca
Rosario:
Übers Wochenende geht’s nach Rosario, dem Geburtsort zweier nationaler Berühmtheiten und für viele auf ihre jeweilige Weise Idole. Die Rede ist zum einen von Ernesto Che Guevara, Revolutionär, Visionär und Homie von Fidel Castro, dessen Geburtshaus 100m von unserem Hostel entfernt liegt und heute ein Büro einer Versicherungsgesellschaft beherbergt. Der andere ist ein Zauberer, ein Phänomen, jemand der den Menschen Freude bringt und unglaubliches zelebriert. Lionel Meeeeessi! Als vorletzte Woche Argentinien gegen Uruguay 3:0 in der WM-Quali gewinnt und Messi 2 Tore und eine Vorlage markiert sagt ein Taxifahrer am nächsten Tag zu uns: „Nicht Argentinien gegen Uruguay – das war Messi gegen Uruguay!“
In Rosario angekommen haben wir durch die tatkräftige Unterstützung der Jungs aus dem Sportgymnasium und ihres Lehrers viel Spaß bei einem Asado (deutsch: Grillen, das hier aber regelrecht zelebriert wird und Züge einer Kunstform annimmt) und milden Temperaturen auf dem Dach des Hostels. Am nächsten Tag starten Ian und ich eine ~15km par Force Fußtour durch Rosario, nach der wir anschließend noch eine Runde zum nächsten Outdoor-Gym joggen, um uns vollends platt zu machen. So geht es nach dem Auftakt am Geburtshaus des Commandante „ El Che“ durch die Einkaufsstraße vorbei an der Costanera – der Uferpromenade am Rio Paraná, der hier für das feuchte Klima und ein bisschen Beachfeeling sorgt. Wofür der Fluss auch sorgt ist eine Mückenplage, die ein erstaunliches Ausmaß annimmt. Die Viecher sind der reinste Horror und drei Tage renne ich bewaffnet mit dem stärksten Mückenspray herum und es ist mir dabei sch***egal wie sehr ich nach Chemiekeule müffel. Andere Leute mit weniger Vorsorgemaßnahmen kommen so locker auf mehrere dutzend Mückenstiche und fiese Schwellungen, nicht wahr K.? ;-) Erwähnenswerte Vorkommnisse an diesem Tag? Ich werde zum wiederholten Mal in Südamerika von wildfremden Menschen angesprochen, ob ich mit ihnen ein Foto machen kann. Ähm, ok. Klar, kein Thema. Also zwei ältere argentinische Damen rechts und links im Arm und auf den Auslöser gedrückt. Hehe. Im zentralen Park der Stadt, der schön um einen kleinen See mit Tretbootverleih angelegt ist, werde ich dann noch im Vorbeigehen von einer Gruppe etwa 15-jähriger Mädchen mit: „Hi, wie heißt du bei Facebook?“ begrüßt. Das erklärt dann auch warum einige von euch sich vielleicht über Einladungen ihnen unbekannter argentinischer User gewundert haben ;-)
Am Folgetag würden wir gerne auf eine Flussinsel fahren und uns die Strände dort anschauen – wegen dreier Wolken am Himmel gibt es aber keinen Service und wir fahren stattdessen nach „La Florida“, ein Sandstrand am Flussufer, 8km nördlich der Innenstadt. Ich find’s dort irgendwie popelig. Auf der Rückfahrt hält unser Taxifahrer jedoch am Straßenrand an, um uns Popcorn zu kaufen. Made my day!
Mittlerweile sitze ich erneut im Bus. Wegen der völlig abgefahrenen Regenfälle der vergangenen Nacht (das heraneilende Gewitter konnten wir uns eine Zeit lang vom Hosteldach anschauen – spektakulär!)  musste der Bus gerade durch eine hunderte Meter lange Wasserlache auf der Autobahn fahren. Neben der Straße stand dann auch ein weiterer Bus, der scheinbar die Böschung herunter geslidet und nun nicht mehr manövrierfähig ist. Ich hoffe die Fahrt durch die Pampa (ja, es gibt sie wirklich: „La Pampa“, ein flacher, öder und von tausenden Kühen bewohnter Landstrich in Argentinien) endet für mich unversehrt. Im Übrigen bin ich bin nun auch vorerst wieder alleine unterwegs – Ian reist zurück nach BA und später weiter nach Kanada. Good luck mate and see you in Cali!

Monumento a la Bandera - Monument dedicated to the Argentinian flag