Monday, November 5, 2012
Argentinien (Part I) / Uruguay
Argentinien:
Buenos Aires I:
Die
18-stündige Busfahrt steckt mir am Mittwochmorgen noch in den Knochen als ich
gegen 11 Uhr in Buenos Aires ankomme. Mein Sitz war blöderweise direkt
neben/unter der Klimaanlage, die die ganze Nacht auf Turbo durchgeballert hat.
Für ein bisschen Schlaf hat es dann aber doch gereicht. Voll beladen erreiche
ich nach kurzer Fahrt mit der U-Bahn den Stadtteil Palermo, angeblich das
hipste Barrio hier. Es heißt dann Reunion mit Ian, Marion und Lisa, die ich allesamt
bereits aus Rio kenne und mit Ian bin ich auch bereits in Brasielien gereist.
Perfektes Timing – man serviert gerade Frühstück. Dazu klettern wir aufs Dach
des 10-stöckigen Wohnhauses, sodass man einen coolen Blick auf die Stadt hat.
Dort oben habe ich mich dann auch später noch das ein oder andere Mal von Ian
durch ein „Zirkeltraining“ in der Sonne jagen lassen. Er hält sich mit Joggen
und anderen Leibesübungen fit – ich schließe mich da gerne an. Wir sind dann
auch gleich nachmittags nach Recoleta gejoggt und haben in einem Park ne Runde
trainiert. Häufig gibt es hier Trimm-dich-Pfade oder Reckstangen und andere
Geräte in Parks und Grünanlagen. Das scheint typisch für Südamerika (zumindest
in Brasilien, Uruguay und Argentinien habe ich es oft gesehen).
Nachdem
Ian abends seine Künste als Barkeeper und Caipirinha-Mixer unter Beweis stellt
geht es am nächsten Tag auf eine relaxte Erkundungstour durch Palermo Soho – ein
Bohème-Viertel mit der coolen Plaza Serrano, wo es viele Bars, Restaurants und
einen kleinen Handwerker-Markt mit Lederwaren, Kleidung etc. Hier und da
erinnert mich der Baustil ein wenig an Vila Madelena in Sao Paulo, dann
wiederum muss man allerdings feststellen, dass Buenos Aires insgesamt viel
europäischer als andere Städte in Südamerika ist – einige Ecken und Straßen
könnte man so auch in Paris oder Barcelona sehen. Der Einfluss der spanischen
und italienischen Vorfahren der Argentinier ist omnipräsent. In der Küche, der
Kultur, der Mentalität. An diesem Abend dann ein besonderes Schmankerl: Wir
gehen ins Araóz bzw. Lost, ein Club in Palermo. Als wir um 1 Uhr dort aufkreuzen
läuft gerade ein S-K-A-T-E Competition auf (!!!) der späteren Tanzfläche.
Zuerst Practice und später 1-on-1. Wer es nicht kennt: ein Fahrer macht einen
Flip o.ä. vor und wenn er ihn catcht muss der andere ihn nachmachen und bekommt
ansonsten einen Punkt bzw. ein S,K,A,T,E. Anyways, gute Unterhaltung und nach
Ende des Contests gehen die BBoys und Breaker steil. Ich bin beeindruckt von
den guten Moves die man hier sieht, aber noch viel mehr von Ian, der hält was
er verspricht (zur Erinnerung: Tänzer als Voract der Black Eyed Peas) und
wünschte ich hätte eine Kamera oder iPhone dabei. Darrn!
| Congreso de la Nación Argentina |
Uruguay:
Colonia del Sacramento
Am
Samstagmorgen brechen wir gemeinsam und zugegebenermaßen relativ spontan nach
Uruguay auf. Buenos Aires liegt am Delta des Río de la Plata (Silberfluss), der
sich hier zum Atlantik hin öffnet und zum Mar del Plata wird. Etwa 50km
Luftlinie von BA, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses liegt Colonia
del Sacramento in Uruguay. Wir nehmen den Katamaran von Colonia Express, der
die Strecke in einer Stunde zurücklegt – die Fahrt kostet etwa 30€. Dafür gibt
es an Bord die ganze Zeit das Best-of-Album von Britney Spears auf die Ohren,
inklusive Videos. Juhu! Angekommen, stellen wir fest: Colonia ist eine ganz
feine Stadt. Total relaxt, einer der sichersten Orte des Kontinents, wunderbare
25 Grad an diesem Tag und eine Altstadt, die durch ihren kolonialen Baustil
fasziniert. Mit Kopfsteinpflaster-Gässchen, einigen Gebäuden aus dem 17. und
18. Jhd. und einer Hauptstraße, auf der sich gute Restaurants aneinanderreihen
und die Autofahrer für kreuzende Fußgänger anhalten. Nach 3 Stunden inkl.
Leuchtturmbesteigung hat man alles einmal weitestgehend abgelaufen, die
historische Altstadt ist nicht wirklich groß, aber dafür von allen Seiten vom
Meer/Flussdelta umgeben, sodass wir uns einen tollen Sonnenuntergang vom Ufer
auf der Plaza Mayor anschauen können. Abends (es ist Samstag) sind wir dann auf
eine Stippvisite in den einzigen Club der Stadt, das „Tres Cuarto“. Wir stellen
insgesamt fest: Die Preise in dieser leicht touristisch geprägten Stadt sind
teurer als andernorts, trotzdem kommt man noch etwas billiger weg als in
Deutschland. Hier kostet 1L Bier z.B. ~5€, der Longdrink allerdings auch und
der Tequila-Shot etwa 1€. Ich übe an diesem Abend dann noch ein wenig Spanisch.
Nach
einem erholsamen 3-stündigen Schlaf leihen Ian und ich uns Fahrräder im Hostel.
Die gab es umsonst beim Abschluss einer Jahresmitgliedschaft im uruguayischen
Jugendherbergsverband für ca. 15€. Die Mitgliedschaft wollte ich mir ohnehin
noch zulegen, so spare ich fortan in allen „affiliated hostels“ weltweit 1-2€
pro Nacht. Wir cruisen also bei strahlendem Sonnenschein los und erkunden die
Umgebung. Etwa 6km außerhalb gelangen wir über eine langgezogene Hauptstraße direkt
an der Küste zum alten Bullring. Der ist zwischenzeitlich geschlossen und es
finden keine Kämpfe mehr statt, da die Anlage längst baufällig geworden ist.
Das Areal ist mit einem „Moschendroohtzäun“ gesichert, wir finden ein Loch und
steigen ein, immer mit der Angst von einer Polizeikugel niedergestreckt zu
werden. Es geht aber alles gut und wir finden uns in der Arena wieder und
flaxen rum. Später schauen wir uns noch ein Eisenbahnmuseum an und gehen dann
an den Strand. Ian dreht durch und will joggen gehen. Ok, Schuhe bei den
Fahrrädern deponiert und dann barfuß 20 Min. den Strand auf und ab, vorbei an
einer Lagune und grillenden einheimischen Wochenendausflüglern, die uns etwas
ungläubig hinterherschauen. Auf dem Rückweg halten wir dann nochmal an einem
Fitnesspfad und machen uns richtig alle. Genau das, was man nach einer
durchzechten Nacht so braucht. Wir fühlen uns danach aber langsam wieder wie
Menschen. Als wir am frühen Abend zurück in die Altstadt fahren, ist die
Hauptstraße Richtung Zentrum (die um 14 Uhr noch menschenleer war) an diesem
Sonntag gesäumt mit Familien, Teens, Liebenden usw. Überall chillen die Leute
am Straßenrand und auf dem Grüngürtel zum Strand hin und grillen, trinken,
hören Latin-Beats aus den Stereoanlagen ihrer Autos, rauchen Zauberkraut und
genießen einfach diesen entspannten milden Abend am Vortag des Feiertags zur
Entdeckung Amerikas (Columbus Day in den USA, hier Día Descubrimiento de América). Auf 3-4km Länge, ein
identisches Bild. Wir entspannen abends auf dem Hostel und quatschen mit Mike
aus Dänemark, der reist und dabei ein Kochbuch schreibt, über europäische
Integrationspolitik.
| Beachfront Colonia - Fish vs. foot |
Am
nächsten Morgen fahren wir mit dem Auto weiter nach Montevideo, der Hauptstadt
des Landes. Etwa 2,5 Stunden sind wir insgesamt unterwegs und haben so
Gelegenheit uns am Nachmittag bei gutem Wetter das Stadtzentrum und die
Altstadt anzuschauen. Einige gute Fotos entstehen hier, allerdings ist die
Stadt jetzt nicht der Brüller. Sie ist groß, teuer und bei weitem nicht so
spektakulär wie Buenos Aires. Erwähnenswert ist mit Sicherheit der „Mercado del Puerto“, ähnlich wie in Sao
Paulo, wo es Fruchtstände gibt, wird hier an jedem Stand Fleisch
verschiedenster Arten auf großen Grills zubereitet und verkauft. Dazu wird
Medio y Medio empfohlen, eine Mischung aus halb Sekt und halb Wein. Wirklich? Na gut. Der
Guide empfiehlt es ja schließlich. Wie können wir uns dem verwehren? Man sagt
uns später Montevideo sei eine crazy Partystadt, aber wegen des Feiertags sind
nur Bars geöffnet. Wir entscheiden uns im Hostel zu bleiben und sind ganz froh,
dass hier nicht so der riesen Drive aufkommt auszugehen und genießen
stattdessen den Tratsch mit anderen Reisenden und ich übe mal wieder Spanisch
mit dem Barkeeper, der mir auch noch ein paar gute Reisetipps gibt. Das Hostel „Ukelele“ ist noch einen Satz wert. Ein altes, renoviertes Kolonialhaus mit
rustikaler Inneneinrichtung, Terrasse, Pool, Wohnzimmer mit Couch, Bücher- und
Fernsehraum etc. Das hat uns sehr gefallen. Am kommenden Morgen besuchen wir
das MAPI (=Museo de Arte Precolombino e
Indígena), ein Museum über
die indigenen Kulturen Süd- und Zentralamerikas vor der Entdeckung durch die
Europäer, und treten anschließend erneut über Colonia den Heimweg an.
Buenos Aires II:
Wieder
angekommen in Buenos Aires gehen wir auf Erkundungstour durch die Stadtviertel.
So sehe ich zum Beispiel in San Telmo interessante Architektur, insbesondere
einige schöne Sakralbauten gibt es hier. Auf einem kleinen Platz sitzen die
Leute draußen bei Kaffee und/oder Cerveza während in der Platzmitte ein Pärchen
zur Hintergrundmusik Tango tanzt. Auch nach La Boca zieht es mich einen
Nachmittag. Dies ist einer der ärmsten Stadtteile Buenos Aires und ich habe
hier bereits vielerorts üble Geschichten aufgeschnappt. Die Stadt erlebt dieser
Tage eine bisher ungesehene Kriminalitätswelle. So hörte ich von Touristen, die
bei einem Überfall im Café angeschossen wurden. Ständig werden Rucksäcke o.ä.
geklaut, wenn man einen Moment unaufmerksam ist. Halbwüchsige belästigen Touris
aber ebenso Locals mit Messern und wollen an die Knete. Zwei Mädels aus
Deutschland wurden am helllichten Tag von ihren ausgeliehenen Fahrrädern
gezerrt und sowohl dieser als auch weiterer Wertgegenstände entledigt – die
Täter verwendeten Handfeuerpistolen, um ihrer Absicht ein wenig Nachdruck zu
verleihen. Letzteres passierte im Übrigen in La Boca und so steige ich mit
einem etwas mulmigen Gefühl aus dem Taxi, das uns hier absetzt. Was wir sehen
ist aber völlig harmlos. In den 3-4 Straßenblöcken, die als beliebtes Touristenziel
gelten, gibt es bunte Häuser allerlei Art. Das ist eigentlich auch schon die
Hauptattraktion. Das Stadion der Boca Juniors ist dann noch ganz nett
anzuschauen. Hier hat Diego Armando Maradona gekickt. Dieser Verein hat eine
große Tradition und ist der Stolz der Leute. Deswegen gibt es auch einen
Fake-Diego mit dem man Fotos machen kann. Ganz großes Tennis! Am Abend
verabschieden wir uns mit einer weiteren Runde im Club, den wir auch in der
Vorwoche besucht haben. Dieses Mal gibt es im Vorfeld der Party die Premiere
des neuen Skate-Videos mit Riley Hawk, Sohn des legendären Tony. Die Leute
drehen dabei vollkommen durch.
Außerdem
habe ich in dieser Woche das Vergnügen Spanischstunden in der Schule "Bueno, Dale" von Sandra Gonet zu nehmen.
Zwar nur zwei Nachmittage, aber es reicht, um einige grammatikalische
Kenntnisse aufzufrischen (Indefinido/Imperfecto und Subjuntivo) und ein
bisschen mit Sandra zu parlieren, die einfach nur reizend ist („Porque decís
‚Achso‘? ‚Achso‘ es un bitch. Hable español!“). Ich habe mich auf ihren Rat hin auch entschieden vorerst keine
weiteren Klassen zu nehmen und an dessen statt einfach sprechend zu lernen mit
Unterstützung von Vokabel- und Verblisten sowie einem kompakten und sexy
30-stündigem Spanischprogramm, dass ich mir zugelegt habe („Bueno, entonces“).
| Tango in La Boca |
Rosario:
Übers
Wochenende geht’s nach Rosario, dem Geburtsort zweier nationaler Berühmtheiten
und für viele auf ihre jeweilige Weise Idole. Die Rede ist zum einen von
Ernesto Che Guevara, Revolutionär, Visionär und Homie von Fidel Castro, dessen
Geburtshaus 100m von unserem Hostel entfernt liegt und heute ein Büro einer
Versicherungsgesellschaft beherbergt. Der andere ist ein Zauberer, ein
Phänomen, jemand der den Menschen Freude bringt und unglaubliches zelebriert.
Lionel Meeeeessi! Als vorletzte Woche Argentinien gegen Uruguay 3:0 in der
WM-Quali gewinnt und Messi 2 Tore und eine Vorlage markiert sagt ein Taxifahrer
am nächsten Tag zu uns: „Nicht Argentinien gegen Uruguay – das war Messi gegen
Uruguay!“
In
Rosario angekommen haben wir durch die tatkräftige Unterstützung der Jungs aus
dem Sportgymnasium und ihres Lehrers viel Spaß bei einem Asado (deutsch:
Grillen, das hier aber regelrecht zelebriert wird und Züge einer Kunstform
annimmt) und milden Temperaturen auf dem Dach des Hostels. Am nächsten Tag
starten Ian und ich eine ~15km par Force Fußtour durch Rosario, nach der wir
anschließend noch eine Runde zum nächsten Outdoor-Gym joggen, um uns vollends
platt zu machen. So geht es nach dem Auftakt am Geburtshaus des Commandante „
El Che“ durch die Einkaufsstraße vorbei an der Costanera – der Uferpromenade am
Rio Paraná, der hier für das feuchte Klima und ein bisschen Beachfeeling sorgt.
Wofür der Fluss auch sorgt ist eine Mückenplage, die ein erstaunliches Ausmaß
annimmt. Die Viecher sind der reinste Horror und drei Tage renne ich bewaffnet
mit dem stärksten Mückenspray herum und es ist mir dabei sch***egal wie sehr
ich nach Chemiekeule müffel. Andere Leute mit weniger Vorsorgemaßnahmen kommen
so locker auf mehrere dutzend Mückenstiche und fiese Schwellungen, nicht wahr
K.? ;-) Erwähnenswerte Vorkommnisse an diesem Tag? Ich werde zum wiederholten
Mal in Südamerika von wildfremden Menschen angesprochen, ob ich mit ihnen ein
Foto machen kann. Ähm, ok. Klar, kein Thema. Also zwei ältere argentinische
Damen rechts und links im Arm und auf den Auslöser gedrückt. Hehe. Im zentralen
Park der Stadt, der schön um einen kleinen See mit Tretbootverleih angelegt
ist, werde ich dann noch im Vorbeigehen von einer Gruppe etwa 15-jähriger
Mädchen mit: „Hi, wie heißt du bei Facebook?“ begrüßt. Das erklärt dann auch
warum einige von euch sich vielleicht über Einladungen ihnen unbekannter
argentinischer User gewundert haben ;-)
Am
Folgetag würden wir gerne auf eine Flussinsel fahren und uns die Strände dort
anschauen – wegen dreier Wolken am Himmel gibt es aber keinen Service und wir
fahren stattdessen nach „La Florida“, ein Sandstrand am Flussufer, 8km nördlich
der Innenstadt. Ich find’s dort irgendwie popelig. Auf der Rückfahrt hält unser
Taxifahrer jedoch am Straßenrand an, um uns Popcorn zu kaufen. Made my day!
Mittlerweile
sitze ich erneut im Bus. Wegen der völlig abgefahrenen Regenfälle der
vergangenen Nacht (das heraneilende Gewitter konnten wir uns eine Zeit lang vom
Hosteldach anschauen – spektakulär!)
musste der Bus gerade durch eine hunderte Meter lange Wasserlache auf
der Autobahn fahren. Neben der Straße stand dann auch ein weiterer Bus, der
scheinbar die Böschung herunter geslidet und nun nicht mehr manövrierfähig ist.
Ich hoffe die Fahrt durch die Pampa (ja, es gibt sie wirklich: „La Pampa“, ein
flacher, öder und von tausenden Kühen bewohnter Landstrich in Argentinien)
endet für mich unversehrt. Im Übrigen bin ich bin nun auch vorerst wieder
alleine unterwegs – Ian reist zurück nach BA und später weiter nach Kanada. Good
luck mate and see you in Cali!
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