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Monday, November 5, 2012

Argentinien (Part II)

Dies ist der zweite Teil zu Argentinien. Den ersten findet ihr weiter unten. Ein Album mit Fotos gibt es bereits auf facebook. Ich hoffe ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen wie ich beim Verfassen. Schöne Grüße aus Santiago de Chile!


Córdoba
In Córdoba hatte ich eine gute Zeit während meines dreitägigen Aufenthalts dort. Ich durfte bei Daiana und ihrer Schwester Denisse wohnen. Dai ist die Freundin von Scott, meinem ehemaligen Mitbewohner während meines Auslandsstudiums in LA. Nachdem der erste Abend recht unspektakulär mit Pizza und örtlichem Bier endet, starte ich am folgenden Tag die Erkundungstour. In Córdoba gibt es viele Gebäude aus der Kolonialzeit und im Microcenter der Stadt sind diese alle gut fußläufig zu erreichen. Als Stadt mit einer der größten Universitäten des Landes und vielen weiteren akademischen Institutionen, nennt man Córdoba auch „La Docta“ -  „die Gelehrte, die Doktorierte“. Dai, die kurz vor dem Abschluss ihres Architekturstudiums steht, war der perfekte Tourguide. Sie konnte mir viel über architektonische Besonderheiten erzählen, wusste wann und in welchem Stil die Gebäude errichtet wurden und hat dabei noch einiges über die Geschichte der Stadt eingestreut. Das ganze übrigens durchgehend auf Spanisch, sodass ich viel üben konnte, auch wenn ich manchmal dann doch etwas „lost“ war und kurzzeitig zu Englisch wechseln musste.
Einen Tag haben wir in Alta Gracia verbracht, etwa 45 Minuten außerhalb Córdobas, einem kleinen Sommerferienort vieler reicher Porteños (Einwohner von Buenos Aires). Dort gab es ein Museum, das sich dem Leben und Wirken Ernesto „Che“ Guevaras gewidmet hat. Hier hat der Kommandante einen Teil seiner Kindheit verbracht und ich nutze die Gelegenheit mehr über seine Reisen und seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit in Lateinamerika zu erfahren.
Am Tag meiner Abreise war ich dann noch im schönen Stadtpark Sarmiento joggen und habe Rocky-gleich die enormen Treppen (ca. 100) des Anstiegs zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Park 5x in Rekordtempo bezwungen. Zur Belohnung gab es abends in einem guten Restaurant ein 500g Steak (Typ „Vacio“, aus der Flanke – ca. 10€), das mit Abstand zu den Besten seit Beginn dieser Reise zählt. Das waren im Übrigen schon einige, wenn ich schätzen müsste, ein gutes Dutzend Rindermuskel habe ich in den ersten 4 Wochen bereits verspeist.

Iglesia Catedral - Córdoba
Rodeo:
In Rosario habe ich einen Tipp für ein gutes Hostel in der Gegend von San Juan, einem bekannten Weingebiet im Westen Argentiniens, erhalten. Ich buche im Voraus für 3 Tage und stelle erst am Abend meiner Abreise fest, dass ich nach der 8-stündigen Nachtfahrt in San Juan einen weiteren Bus nehmen muss, der mich in ca. 4 Stunden nach Rodeo an die Cuesta del Viento („Windküste“) bringt. Nach der Ankunft in San Juan treffe ich dort Leyanne aus England, die ich bereits aus Montevideo kenne. Sie hat kürzlich bei den Olympischen Spielen als leitende Eventmanagerin den Bau der BMX-Parcours betreut und anschließend die Wettbewerbe organisiert. Wir verbringen die Mittagszeit in San Juan. Viel gibt es hier nicht zu sehen. Die Stadt wurde 1944 von einem Erdbeben der Stärke 8,5 heimgesucht und das größte Highlight ist der Simulator (ein wackelnder Raum mit einem nachgestellten Video), der einem das Gefühl gibt man sei live dabei als die Stadt in Schutt und Asche gelegt wird. Ich bin froh, dass es am Nachmittag noch einmal weiter geht. Was nun folgt ist eine spektakuläre Busfahrt in die Anden! Über eine Bergstraße arbeitet sich der Bus schleppend in höhere Gefilde vor. Zu meine rechten, etwa einen Meter neben dem Fenster, geht es gute 200-300m abwärts ins Tal. Ich habe vollstes Vertrauen in den Busfahrer. Was anderes bleibt mir auch gar nicht übrig. Wir erreichen das Hostel am frühen Abend und haben eine gute Sicht auf den wunderschönen See. Wegen seiner Lage in den Anden und den ihn umgebenden Höhenzügen bietet er optimale Bedingungen für Wind- und Kite Surfing – mit einer steifen Brise von Mittag bis zum Sonnenuntergang.
Nach einem morgendlichen Hike am nahegelegenen See (um 6.30 Uhr klingelt der Wecker) verbringe ich den Rest des Tages äußerst entspannt, hauptsächlich mit Spanischlernen, Joggen in der atemberaubenden Landschaft und mit der Planung der nächsten Tage. Abends werde ich von einer Gruppe urlaubender argentinischer Herren zu einem Asado eingeladen. Dabei darf ich eine Menge über Rotwein, Weißwein und Champagner sowie die Rivalität zwischen Mendoza und San Juan, den beiden bekanntesten Anbaugebieten des Landes, erfahren. Inklusive kostenfreier Proben oben genannter Getränke. Die Gruppe älterer Herren (ein Professor, ein Pilot von Emirates Airlines etc.) betrinkt sich dabei so sehr, dass einer von ihnen, ein besonders rundlicher, zwischenzeitlich einfach vom Stuhl kippt während er einen Witz erzählt J
Den nächsten Tag verbringe ich komplett mit Mountainbiking. Ich leihe mir dafür das Fahrrad des Hostelbesitzers Manuel (war jahrelang bei einer Versicherungsgesellschaft, ist vor zehn Jahren zum Hippie konvertiert und nun einer der Obergurus des Dorfes). Über Stock und Stein, Berg und Tal komme ich bei 30°C auf den unasphaltierten Wegen (sofern es überhaupt welche gab) durch bizarre Landschaften, arbeite mich Richtung Seeufer vor und beobachte dort die Surfer. Ich überlege einen Einsteigerkurs Kitesurfing für den Nachmittag zu buchen, der Preis von 500 Pesos (~83€) für das 2-stündige Vergnügen hält mich allerdings davon ab. Auf dem Rückweg gelange ich an einen Felsvorsprung auf dem es offensichtlich oben ca. 5m höher auf einer Ebene weitergeht. Ich bin hier völlig allein, weit und breit kein Mensch zu sehen. Also umdrehen und außen herum fahren? Forget it! Ich stemme das Bike auf den nächsten Felsvorsprung, klettere selbst ein paar Meter, reiche herunter und hieve das Fahrrad anschließend wieder hinter mir her. Schweißtreibend, gefährlich und einfach nur mega geil! Dasselbe versuche ich anschließend an einem schmalen Fluss, ca 20m breit. In der Annahme, dass er schon nicht so tief Wasser trägt stehe ich nach drei Schritten bis zur Hüfte in selbigem, das Fahrrad in meinen Händen über dem Kopf. Ok, MacGyver, an dieser Stelle bist du lieber vernünftig und drehst wieder um… diesen Nachmittag fahre ich noch ins 4km entfernte Pueblo und stelle fest, dass hier am Sonntag etwa 7 Menschen auf den Straßen unterwegs sind.
Der letzte Bus am Montag verlässt den Ort um 13 Uhr und da ich noch einige Tage in Mendoza verbringen will bevor es nach Chile geht mache ich mich nach einer morgendlichen Runde Jogging, Hiking, Wildpferde aufscheuchen und Boxsack verprügeln auf den Weg.

Cuesta del Viento, Rodeo
Mendoza:
Mendoza ist hauptsächlich bekannt für seine herausragenden Weine und so dreht sich mein Abstecher hierhin auch zu einem beträchtlichen Teil um dieses Thema. Im Hostel treffe ich eine Gruppe Reisender aus Australien und Amerika und entschließe mich kurzfristig beim Frühstück am nächsten Morgen die „Weintour“ mit Ihnen zu buchen. Wir werden um 10 Uhr am Hostel abgeholt und mit Taxis nach Maipú, einem Vorort von Mendoza, gebracht. („Welcome to Maipú“ – das hat die englischsprachige Gruppe durchaus amüsiert). Angekommen an der ersten Bodega begrüßt man uns mit einer Auswahl dreier verschiedener Weine (Malbec, Merlot, Chardonnay). Es ist 10.30 Uhr. Man erklärt uns Grundsätzliches zu Geruch, Farbe, Alkoholgehalt etc. Anschließend werden wir mit Fahrrädern ausgestattet und machen uns fortan auf den Weg, um zwei weitere Bodegas zu besichtigen. Wir dürfen dabei außerdem die Produktionsstätten besuchen. Ein ganz besonderes Highlight. So bestaunen wir überdimensionale Weinfässer in denen Lagerung und Reifeprozess stattfinden und dürfen sogar in Weinfässer klettern die nicht mehr genutzt werden. Dazu muss man sich durch einen winzigen Einlass zwängen. Für die Mädels ein leichtes Spiel, für den Rest eine Herausforderung! Unser Guide Edgardo organisiert uns diese Zusatzaktivitäten, die normalerweise nicht Bestandteil der Tour sind, aber unser Nachfragen („können wir auf die Weinfässer klettern?“, „dürfen wir auch HINEIN?“) und sein Verhandlungsgeschick mit den Angestellten der Bodegas sichern uns diesen Spaß. Die größten Holzfässer fassen bis zu 37.500 Liter, eines der Steinfässer, in dem wir herumtollen gar 147.000l, das größte der hier genutzten Fässer enthält unglaubliche 1,5 Mio. Liter. Am Fließband sehen wir wie die Flaschen gefüllt, etikettiert und in Kisten sowie Paletten verpackt werden. Ein vollautomatischer Prozess – das Exportvolumen dieser Bodegas ist immens. Zum Lunch bekommen wir die landesüblichen Empanadas (Teigtaschen mit wahlweise Fleisch oder Gemüsefüllung, in diesem Fall „Carne dulce“). Heruntergespült wird das Mittagessen – wie könnte es anders sein – mit Wein. Die nachmittägliche Fahrt hinaus in die 6km entfernten Weinfelder gestaltet sich daher abenteuerlich bringt aber auch eine Menge Spaß mit sich. Es bietet sich  eine tolle Sicht auf die Berge und die Anbaugebiete und nach der obligatorischen Begrüßung mit Champagner bekommen wir eine weitere Tour, diesmal durch ein Kellergewölbe, in dem wir mehr über die Geschichte dieser mehr als 100 Jahre alten Bodega erfahren. Zum Abschluss nutzen wir noch die Gelegenheit eine Olivenfabrik zu besichtigen, dort probieren wir verschiedene Sorten Oliven und Öl und erhalten außerdem eine Tour durch die Fabrikationshallen, wo man uns die traditionelle sowie moderne Herstellungsweise von Olivenöl erklärt. Geschafft und beschwipst kommen wir am frühen Abend wieder im Hostel an. Zum Glück ist heute Halloween und die Nacht wird (nach einem 3-stündigem Power-Nap) in ebenjener Tradition auf der trendigen Aristides Villanueva fortgesetzt.
An den Folgetagen erkunde ich Mendoza und nutze das schöne Wetter, um Parks, Straßenzüge, Museen und Plazas zu besichtigen.


Wine tasting bike tour in Maipú
Uspallata:
Eine spontane Entscheidung führt einige von uns über das Wochenende in die Anden. Das 3000-Einwohner Dorf Uspallata, gelegen an der Alta Montaña Route nach Chile, dient dabei als Basiscamp und Ausgangspunkt der Erkundungstouren. So starten wir am Freitag eine Radtour in die Berge und finden uns nach einer 1-stündigen Fahrt und einem kurzen Hike auf einem heiligen Hügel der Incas. Hier kann man Gravuren in den Steinen entdecken, die Menschen in der präkolumbischen Zeit darstellen, vermutlich entstanden zwischen den Jahren 700 und 1000. Man hat außerdem eine beeindruckende Aussicht auf die umliegenden Täler. Wir erfahren, dass wegen der Ähnlichkeit zu den Landschaften des Himalayas hier der Film „Sieben Jahre in Tibet“ gedreht wurde.

Inca carvings in Uspallata
Nachmittags schnappe ich mir alleine das Bike und jage bei 30°C und steilem Gegenwind den stetig leicht bergauf führenden Weg nach Siete Colores („Sieben Farben“) hinauf. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf diesen knappen 9km liegt bei 8-10km/h die Stunde, aber ich schlage mich tapfer. Nach einer knappen Stunde Quälerei entdecke ich das Farbenspiel – eine Felsenwüste mit grünen, weißen, roten, gelben und gar bläulichen Farbtönen bietet sich meinem Blick. Ich bin alleine hier draußen, stelle das Fahrrad ab und klettere einen der steilen Hügel hinauf, um ein paar Fotos zu schießen. Auf dem Rückweg unterschätze ich wie steil es hinauf war und rutsche mehrmals einige Meter über bunten Schotter hinab. Mit einigen blutigen Macken (Knie und Hände vs. Stein) komme ich unten an und bin guter Dinge. Auf dem Weg ins Dorf habe ich Rückenwind, es geht bergab, ich bin in 13 Minuten zurück an meinem Ausgangspunkt. Maximale Geschwindigkeit auf der unasphaltierten Piste: 46,9 km/h J
Am nächsten Tag das Highlight des Wochenendes: Eine knapp einstündige Busfahrt bringt uns in die Nähe der chilenischen Grenze zur Puente del Inca, einer natürlich geformten, seltsam orangefarbenen Brücke auf ca. 2700m. Nebendran wurde bis zu seiner Schließung in den 40er Jahren ein Thermalbad und Spa an den heißen Quellen betrieben, von dem heute nur noch die Ruinen übrig sind. Entlang der Gleise der stillgelegten Eisennbahnstrecke geht es weiter in den Provinzialpark Aconcagua. Wir hiken auf etwa 3.500m und haben eine unfassbare Sicht auf den höchsten Berg der amerikanischen Kontinente, den höchsten der westlichen und südlichen Hemisphäre, den höchsten der Welt außerhalb des Himalayas in Asien. 6.959 stolze Meter ragt der Cerro Aconcagua (die indigene Bezeichnung lässt sich als „Stone Guardian / Steinwächter“ übersetzen) vor unseren Augen in den Himmel. Etwa 10km Luftlinie von uns entfernt ist es mir unvorstellbar, dass er noch weitere 3,5km Höhe hat. Der Gipfel sieht von hier greifbar nah aus, als könne man in wenigen Stunden hochwandern, aber die Perspektive täuscht. Die kürzesten Touristen-Touren (ab Mitte November angeboten, sobald der Sommer Einzug hält) dauern 13 Tage inklusive Akklimatisation. Eine Besteigung ohne professionellen Guide wird nur den extrem erfahrenen Bergsteigern empfohlen (Reinhold Messner war auch schon da).
Am heutigen Morgen erfolgt nun die Abfahrt nach Chile über den spektakulären Andenpass. Aber mehr dazu in 2-3 Wochen, wenn ich (so die Planung) im Norden des Landes Richtung Bolivien aufbreche.

Alta Montaña

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